After the X

kleines Fanfic das meine anderen Fanfics aus Kindertagen quasi mal endlich zum Abschluss bringt.

…after the X-Files

12:35

Haus von Judith Randolph

Stadtrand von Washington DC

„Brother Brother Brother,“ tönte es aus den PC-Lautsprechern und eine Gestalt in Boxershorts und blauem Rippunterhemd hüpfte dazu im Takt durch das große Wohnzimmer, das vor Büchern, kleinen Statuen und Dekorationswaffen nur so wimmelte. Vielleicht waren unter all den Schwertern, Saigabeln und Dolchen sogar geschliffene Klingen, doch das konnte wenn dann nur die Besitzerin selbst wissen. Diese suchte tänzelnd ihre Kleidung zusammen, denn sie war erst um elf Uhr aus dem Bett gekommen. Schon jetzt hatten die Sonnenstrahlen das untere Geschoss merklich aufgewärmt.

„Hit the road Jack, and don’t you come back no more no more no more no more.“

Ihre Stimme dröhnte durch das gesamte Haus, so laut, dass es jedes Mikrophon hätte unnötig gemacht. Die Zeit der Mikrophone war vorbei, zumindest die Zeit der winzigen Mikrophone, die sich in Lampen oder Telefonen versteckten. Schnell hatte sie eine schwarze Kunstlederhose bei der Hand, in die sie schließlich auch schlüpfte. Ungewohnt kurzentschlossen für ihre Verhältnisse, besonders heute. Für gewöhnlich bereitete sie sich gut auf Besuche vor, besonders auf solche wie diese. Judith hatte sich von ihrem Einsiedlerdasein getrennt. Nachdem sie ihre Arbeit beim Bureau aufgegeben hatte hatte sie ja auch Zeit dafür, und Muße. Es ist sicherer für alle, hatte sie sich gesagt. Aus der blonden Mähne waren schwarze glatte Haare geworden und immer häufiger war an ihr fast alles schwarz. Amulette mit archaischen Motiven und Steine baumelten an ihr und sie hatte sogar eine Tätowierung, die man aber nicht sah, es sei denn sie trug Hüfthosen.

„Gelegenheitsgrufti,“ hatte sie grinsend gesagt als sie gefragt wurde, warum man sie mal in folkloristischen, mal in tiefschwarzen und dann wieder in „Durchschnittsklamotten“ sah. Und damit hatte sie Recht, denn sie nahm sich die Freiheit so auszusehen wie sie wollte. Wobei sie damit aber auch Glück hatte, denn sie sah in keinem ihrer Stile deplatziert aus.

„Mist, schon fünf vor eins,“ murmelte sie, zog noch schnell ihre Schuhe an und schaltete ihren PC mit einem Knopfdruck aus. Ihre Mitbewohnerin würde schon aufräumen, und wenn nicht, dann war es nicht schlimm, schließlich lag nichts herum, was nach einiger Zeit von allein aufstehen würde. Es klingelte. Sie atmete gepresst aus und schritt eilig aber nicht gehetzt zur Tür. Kurz bevor sie die Klinke drückte verdrehte sie noch einmal die Augen nach oben, um ihre Anspannung abzubauen, die sie schon zwei Tage zuvor, als sich der Besuch angekündigt hatte, aufgebaut hatte. Dieser Besuch war natürlich Männlich. Nicht, dass sie sich für weiblichen Besuch weniger Mühe gemacht hätte. Sie wäre bloß nicht so nervös gewesen. Ruckartig öffnete sie die Tür und stand ihrem lang erwarteten Besuch gegenüber. Und zwei Tage waren lang, fand sie.

„Chriiis!“ quietschte sie fröhlich und dehnte das I so lang wie es nur ging.

„Schön hast du’s hier, hätt’ ich ja nicht gedacht,“ erklärte der Besuch, als er über sie hinweg in das Haus lugte, was ihm keine Mühe machte denn er überragte sie um mindestens zwei Köpfe.

„Wie, hättest du nicht gedacht? So ‘ne Frechheit!“ meckerte sie und grinste dabei.

Chris, der Besuch, war ebenfalls recht dunkel gekleidet. Er warf noch einen letzten flüchtigen Blick ins Haus bevor Judith sich ihren Schlüsselbund schnappte, den sie mit geknüpften Plastikbändern reich verziert hatte, und ihn aus dem Türrahmen schob um hinter sich die Haustür zu schließen.

„Also, was machen wir?“ fragte er sie.

„Hier in der Nähe ist ein netter See, da könnte man sich erst mal hinsetzen bis uns einfällt was wir noch machen könnten.“

Es hatte lange gedauert bis sie so unbekümmert sein konnte. Sie hatte es ihrer Mitbewohnerin und eigentlich allen verschwiegen – verschweigen müssen – und es war ja nun auch vorbei gewesen. Sie musste sich nicht mehr sorgen, nicht um ihren Bruder Brian, nicht um ihre Restfamilie, nicht darum, dass ihr Haus abgehört wurde, und erst Recht hatte sie Ruhe vor den Leuten, die von ihr irgendwelche Disketten einforderten, die ihr Bruder bei ihr angeblich versteckt hatte. Disketten, wie rückständig, hatte sie damals gedacht. Heutzutage brennt man so was auf CD.

„See klingt gut!“

Sie nickte und legte eine Hand in den Nacken, um ihr Nachdenken zu unterstützen. Sie grübelte nach dem kürzesten Weg dort hin und schließlich schob sie Chris in die Richtung ihrer Wahl.

„Und, was gibt’s bei dir so neues?“ fragte sie und steckte die Hände in die Hosentaschen. Das tat sie immer, wenn sie nicht wusste was sie mit ihren Händen anstellen sollte. Obwohl sie fast alles abgelegt hatte, das hatte sie behalten.

„Der Job geht mir auf den Keks. Ich wechsele nächste Woche die Abteilung und habe dann den Esoterikbereich am Hals.“

Judith grinste verstohlen.

„Ist doch toll, Esoterikbücher an tunikatragende Mittdreißiger zu verkaufen, die ihre Ungekämmtheit zur Schau stellen,“ feixte sie und kassierte einen bösen Blick dafür.

„Sorry,“ meinte sie weiter und wich weiteren Blicken erst mal aus.

„Und bei dir?“

„Ach nix. Ich will mich ja nicht beschweren oder so, aber manchmal ist das ganz schön langweilig. Ich brauche einen Job, ich brauche irgendeine Regelmäßigkeit.“

Das war ihr Problem. Sie war zu lange beim Bureau gewesen, um diese Lücke in ihrem Lebenslauf erklären zu können.

„Ach ja, ich habe Rotbuschtee mit Vanille gekauft, der ist mal richtig lecker,“ lenkte sie vom Thema ab und Chris verstand sofort. Besser nicht nachbohren, dachte er und nickte.

„Meinst du nicht, dass du mir das irgendwann doch noch erzählen willst?“ Fragte er nach einer ganzen Weile der Stille.

Sie gingen durch baumgesäumte Straßen und am Himmel zeigte sich kein einziges Wölkchen. Eigentlich war das Wetter viel zu warm für Schwarz.

„Hä?“ fragte Judith verwirrt und sah nach oben, anstelle in Chris’ Gesicht direkt in die Sonne, was sie die Augen zusammenkneifen ließ.

„Die letzten acht Jahre meine ich.“

Ach so, ihm habe ich ja gesagt dass ich da eine Lücke habe, fiel es ihr wieder ein. Sie atmete hörbar aus, seufzte und spielte sogar einen kurzen Moment mit dem Gedanken, einfach alles zu erzählen. Niemand war in der Nähe, er würde es niemandem erzählen und wen sollte es auch kümmern? Diese Leute waren schließlich entweder tot oder im Gefängnis.

„Denkste,“ war ihre Antwort.

„Hm?“

„Ich würde ja wenn ich könnte, aber ich will nicht.“

„Friends, erste Folge. Phoebe.“

Sie nickte.

„Ändert aber nichts daran, dass ich dir das nicht sagen werde.“

„Ach nun komm. Es ist ja nicht so, dass du als Geheimagentin die Stadt gerettet hättest.“

Autsch.

„Nee,“ erklärte sie lachend, „Das wäre ja noch schöner!“

Die Stadt nicht, dachte sie, eigentlich gab’s da unten keine Stadt. Weit und breit nichts als brasilianischer Schlangendschungel.

„Na also, was ist dabei?“

„Du lässt es aber auch nicht sein, oder?“

„Nö.“

Wenigstens war er ehrlich. Sie gingen und gingen und als der Weg schon fast kein Ende mehr zu nehmen schien waren sie plötzlich da. Zuerst kam eine große Liegewiese, die auch schon von einigen Leuten bevölkert war, danach folgte der relativ flache See.

„Da. Wir sind da.“

Sie zeigte auf eine freie Stelle auf der Wiese, die irgendwo mittig zwischen Straße und See lag und beschloss, sich dort nieder zu lassen. Und da schwarze Kunstlederhosen sich in der Sonne aufheizten beschloss sie gleich weiter, nur in Boxershorts und einem Top da zu sitzen.

„Soll ich’s nie wieder tun?“ fragte er plötzlich.

„Was nie wieder tun? Mich ausfragen?“

„Jap.“

Judith überlegte. Sie haderte mit der Antwort, denn eigentlich wollte sie ihrem langjährigen Freund von dem erzählen, was sie erlebt hatte.

„Warte einfach ab, irgendwann erzähl ich’s dir schon.“

Chris nickte. Sie hoffte er war mit der Antwort zufrieden. Sie hasste es, so abweisend zu sein, doch sie hatte keine andere Wahl.

„Wir könnten die Comicläden abgrasen,“ meinte sie und blinzelte in die Sonne.

„Comicläden? Wo sind denn hier welche?“ fragte er ungläubig und setzte sich neben Judith.

„Schon ein Stückchen weit weg. Müssten wir eventuell fahren. Wie praktisch! Dann kommen wir ja an meinem Esoteriklädchen vorbei.“

In Gedanken suchte sie bereits verschiedene Räucherstäbchensorten aus.

„Esoterik. Schnickschnack!“

„Pah! Christ!“ sagte sie, als sei Christ ein Schimpfwort.

Diese Kabbelei war so alt, dass beide nicht mehr wussten wann sie eigentlich angefangen hatten damit.

Sie blieben noch eine halbe Stunde so sitzen, bis Judith sich aufrichtete und zähneknirschend etwas Unverständliches von Rückenschmerzen erzählte.

„Ich bin eingerostet,“ sagte sie zu sich selbst, natürlich so laut dass Chris es hörte, was sie aber nicht beabsichtigt hatte.

„So so,“ sagte Chris vielsagend und sie mit seinem Blick aufziehend.

„Ja ja!“ hielt Judith trotzig dagegen.

Sie zog ihre Hose und ihr T-Shirt wieder an, taumelte dabei ein wenig und drohte einmal sogar, umzukippen.

„Eingerostet,“ wiederholte Chris ihre Worte und grinste schelmisch.

Wenn der wüsste, dachte sie nur. Wenn er wüsste, dann … besser nicht. Manchmal stellte sie sich absichtlich ein wenig an. Es ist immer besser wenn man unterschätzt wird, hatte sie sich gesagt und sich sogar ein paar mal wie Clark Kent gefühlt. So ein Quatsch, dachte sie.

„Ich bin dafür wir laufen. Das Wetter ist viel zu gut als dass man es im Auto sitzend aussperren sollte.“

Chris nickte. Judith tastete ihre Hosentaschen ab und stellte fest, dass sie noch alles hatte. Geld, Schlüssel, alles da.

„Okay, dann wollen wir mal.“

Sie gingen wieder, ließen den See bald hinter sich und außer Sichtweite, schlenderten wieder die baumgesäumte Straße entlang.

„Warte mal,“ meinte Chris plötzlich, steuerte auf eine Bank zu die vor einem blühenden Gebüsch stand und stellte seinen Fuß auf die Sitzfläche, um sich eine Schleife zu binden. Doch dazu kam er nicht. Ihm entfuhr ein markerschütternder Schrei und er stolperte zurück, dass Judith ihre liebe Mühe hatte, ihn aufzufangen, was sie eigentlich nicht hätte können dürfen, doch darüber machte Chris sich keine Gedanken. Als sie sicher war dass er einen festen Stand hatte wagte sie einen Blick auf das, was ihn so geschockt hatte. Sie fühlte Brechreiz in sich aufsteigen, denn das was sie sah, war nicht nur grauenhaft, dieser Anblick war ihr mehr als bekannt.

„Komm weg hier!“

Sie packte Chris grob beim Arm und wollte ihn mit sich ziehen, doch als wäre der Anblick des zerfetzten Leichnams nicht genug gewesen, blickte er starr in Richtung des schwarzen Wagens, der sich mit rasender Geschwindigkeit näherte, auf sie zusteuerte!

„Spring!“ hörte Judith sich selbst rufen und in letzter Sekunde riss sie Chris mit sich, was sie auch nicht hätte können dürfen. Aber darüber machte sie sich nun die geringsten Sorgen. Die Leiche, der schwarze Wagen, und sie war sicher, dass wenn sie etwas suchen würde, sie auch noch einen zerrissenen schwarzen Lederhandschuh finden würde. Sie hatten sich für einen Moment hinter einen Gartenzaun gerettet, doch dieser würde das Auto nicht aufhalten, wenn es umkehrte und zu einem zweiten Versuch ansetzte.

„Bist du okay?“ fragte sie, als sie sich wieder über Himmel und Erde im Klaren war.

„Was zur Hölle war das?“ fragte Chris.

„Frag nicht. Hast du ein Handy?“

Judith blickte angespannt, ängstlich und dennoch bereit in die Richtung, in die das Auto verschwunden war.

„Da. Aber kannst du mir das erklären?“

Er gab ihr das Handy und versuchte die Übelkeit aus seinem Körper zu verbannen. Sein Magen zog sich zusammen und wenn er noch weiter so nah neben einer Leiche liegen musste wusste er, dass er sich übergeben würde.

„Danke.“

Wortlos tippte sie eine Nummer in das Handy, das zum Glück bei dem Sturz keinen Schaden erlitten hatte.

„Mulder? Randolph. Sie sind wieder da. Und sie wissen Bescheid,“ sagte sie, und sowohl ihre Stimme als auch ihre Mimik und Gestik hatten sich merkwürdig verändert.

Chris tat nichts, als verdutzt da zu sitzen und nicht zu wissen, wie ihm geschah. Nur langsam begriff er, was in den letzten acht Jahren wohl passiert war.

„Wir können nicht hier sitzen bleiben. Uns gehört der Vorgarten ja nicht.“

Judith war schon wieder auf den Beinen, er tat es ihr nach.

„Ich fürchte, jetzt muss ich es dir erklären. Aber nicht hier. Wir fahren.“

Der Weg, der ihnen vorhin noch so lang vorgekommen war, flog geradezu an ihnen vorbei, als sie zurück zu Judiths Haus gingen. Dort stiegen sie in ihr Auto und fuhren zum Bureau. Auf dem Weg dorthin überlegte sie, ob sie irgendetwas sagen konnte, was Chris ein wenig beruhigen konnte. Was denke ich da eigentlich? fragte sie sich. Sie haben uns zusammen gesehen. Verdammt.

„Du scheinst ja zu wissen, was das eben war…“ begann er und hatte es noch immer nicht geschafft, die Übelkeit zu besiegen oder den Schock aus seinem Gesicht zu verbannen.

„Ja. Tut mir leid, dass du da jetzt drin hängst…“ setzte sie stockend an.

„Wie, drin hängst? Was heißt hier „drin hängst“?“

„Sie haben uns zusammen gesehen. Das ist Grund genug, dich umbringen zu wollen.“

Besser, ich sage es gerade heraus, als dass ich drum herum rede, redete sie sich ein.

„Umbringen? Sag mal spinnst du?!“

Sie antwortete nicht.

„Hallo? Ich rede mit dir!“

„Scheiße, ja! Umbringen. Es war ja auch lange genug Ruhe mit diesen Typen. Eigentlich dachte ich, wir hätten damals dem ganzen Spuk ein Ende gemacht.“

„Wer ist denn „wir“?“ fragte er.

„Mein Partner und meine Partnerin. Vom Bureau… du weiß schon… Geheimagenten…“

Er sank im Beifahrersitz in sich zusammen. FBI. Judith. Leichen. Umbringen. Das war zu viel für einen einzigen Tag.

Sie parkte den Wagen ein wenig Abseits.

14:15

FBI-Hauptgebäude

Washington D.C.

Die Wachleute am Eingang hatten sie einfach passieren lassen. Nachdem sie durch einen Metalldetektor gegangen waren stiegen sie in den Aufzug, der direkt in den Keller fuhr. Durch ein paar verwinkelte Gänge hindurch, Chris hätte den Weg vermutlich allein gar nicht gefunden, steuerte Judith zielgenau auf das Büro ihres ehemaligen Partners zu. „Special Agent Fox Mulder“ stand auf dem Türschild neben der Tür zum ehemaligen Kopierraum. Ohne anzuklopfen öffnete sie die Tür und stand Mulder auch schon gegenüber, der soeben Scully am Telefon hatte.

„Hi,“ sagte Judith kurz und bedeutete mit einem Kopfnicken, angesichts des Telefonats leise zu sein.

Mulder nickte seinerseits, zur Begrüßung, bedachte Chris allerdings mit einem skeptischen Blick, der danach zu Judith wechselte. Er beendete das Telefonat mit dem Versprechen, gleich zurück zu rufen, wenn er wusste, was genau passiert war.

„Hallo,“ sagte er dann endlich und Judith gab ihm die Hand.

„Wen bringen Sie denn da?“ fragte er.

„Das? Ach ja, das ist Chris Scheller. Wir haben da so ein klitzekleines Problem mit den Leuten von der Avorton Inc., wir wurden zusammen gesehen…“ erklärte Judith.

„Kann mich mal einer aufklären?“ fragte Chris, nachdem er Mulder die Hand gegeben hatte.

„Ich nehme an, er weiß von nichts.“

„Richtig,“ bestätigte Judith.

„Gut…“ setzte Mulder an.
“Gut? Was soll denn daran gut sein? Ich wurde gerade beinahe überfahren und musste mich neben einer Leiche im Dreck wälzen! Daran ist überhaupt nichts gut!“

Mit der einen Hand rieb sie sich die Nasenwurzel direkt zwischen den Augen, mit der anderen Hand rieb sie Chris über den Rücken.

„Setz dich bitte,“ sagte sie bestimmend.

Sitzen, das konnte er jetzt gut gebrauchen.

„Also. Vor Acht Jahren… haben Agent Mulder, Agent Scully und ich hier zusammengearbeitet. Es ging dabei um einen Pharmakonzern, der etwas großzügig mit seiner Chemie umging und ein paar unerlaubte Experimente durchführte, und diese Leiche die du heute gesehen hast, so sahen alle Opfer aus, die von diesen Typen erwischt wurden. Verstehst du jetzt warum ich schweigen musste?“

Chris nickte. Trotzdem verstand er nichts.

„Ich werde das mit Skinner klären,“ sagte Mulder recht leise. Chris konnte es zwar hören, doch er wusste dass es keinen Zweck hatte, danach zu fragen.

„Ich brauche noch den Fundort. Haben Sie das Kennzeichen?“

„War keins dran. Die Leiche liegt hinter einer Parkbank, direkt bei dem alten Puppenmuseum. Die Cops müssten Bescheid wissen.“

Mulder nickte.

„Ich bin eben oben.“

Judith nickte auch. Sie zog sich einen Polsterstuhl heran und setzte sich neben Chris, der es vorzog, das „I want to believe“ – Poster anzustarren.

„Das hab ich auch,“ sagte sie zaghaft, als Mulder aus der Tür war.

„Gleich wache ich auf und alles ist wie vorher.“

„Ja das kenne ich. Hat aber nichts genutzt. Ich musste trotzdem nach Brasilien.“

„Was war denn jetzt in Brasilien schon wieder?“ fragte er.

„So ein Labor. Und sie haben ihn da hin entführt gehabt. Deshalb.“

Bei „ihn“ machte sie eine Kopfbewegung die zur Tür hin deutete.

„Ach so,“ sagte Chris, als wäre es das natürlichste auf der Welt, „Entführt. Ja dann…“

„Jetzt sei nicht so.“

„Ich glaub es nicht! Wir wurden gerade fast umgebracht und du sagst „Jetzt sei nicht so…“!“

Judith machte ein unschuldiges Gesicht. Sie konnte ja auch nichts dafür, dass Chris sich gerade dort die Schuhe zubinden musste, wo die Handlanger von Avorton eine Leiche deponiert hatten.

„Was soll ich denn sonst sagen? Ich kann das ja wohl schlecht ändern.“

Er wischte sich mit der Hand über sein Gesicht, ließ den Kopf auf seine typische Art und Weise hängen und zog es vor, nichts mehr zu sagen. Zwei Meter Verzweiflung, dachte Judith und fühlte sich hilflos. Ich kann damit umgehen, dachte sie, ich hab das ganze ja schon mal mitgemacht. Das war zumindest teilweise gelogen. Sie war fast genauso geschockt über die Ereignisse wie Chris, allerdings war sie gut darin nicht zuzulassen dass dieser Schock sie lähmte.

„Und warum du?“

„Weil ich etwas habe, was sie wollen. Ich weiß zwar nicht wo, aber es scheint irgendwo in meinem Haus zu sein. Was ich nicht schon an Abhöranlagen aus meinem Wohnzimmer getragen habe…“ winkte sie ab, „Aber besonders einfallsreich waren sie nie. Außer beim ersten mal, als sie meinen Bruder getötet haben. Aber da hatte ich auch noch keine Ahnung.“

„Wie, Ahnung?“ fragte er.

„Wie man kämpft, zum Beispiel. Oder woran man erkennt dass jemand in deiner Wohnung war. Oder wie man eine Pistole gut versteckt.“

Sie griff unter Mulders Schreibtisch und tastete unter der Tischplatte herum. Als sie auf einen metallischen Gegenstand stieß, der mit Klebeband befestigt war, hellte sich ihre Miene kurz auf und sie zog eine leibhaftige Smith and Wesson 1056 hervor.

„Dienstwaffe,“ erklärte sie stolz und als sie noch den passenden Schulterholster fand war ihr Tag scheinbar gerettet.

„Halt mal. Stopp. Willst du mir jetzt weismachen das Ding gehört dir? Du bist so was wie eine FBI-Agentin?“

„Wenn du so willst, ja.“

„Wenn ich so will? Sag mal…“ bevor er zu ende sprechen konnte öffnete sich die Bürotür und Mulder stand wieder im Raum.

„Die Cops sind vor Ort, Scully hat also gleich mit der Obduktion zu tun.“

„Sehr gut.“

„Hast… haben Sie Mr Scheller nun aufgeklärt?“

Judith nickte.

„Ein bisschen. Sie wissen ja selbst, dass das keine kurze Geschichte ist. Aber ich verstehe nicht, warum die von der Avorton nicht alle tot oder weg sind. Ich meine, wer koordiniert die jetzt?“

Darauf wusste Mulder keine Antwort. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und lächelte schief, als er sah dass Judith ihre Waffe gefunden hatte.

„Das mit dem Klebeband hat damals schon nicht bei den DAT-Kassetten funktioniert,“ erklärte sie und Chris konnte schon wieder nicht folgen. Was denn für DAT-Kassetten schon wieder?

Mulder und Judith hielten es für das beste, Chris jetzt die gesamte Geschichte zu erzählen. Alles hatte mit dem Mord an Brian Bowden angefangen. Man hatte seinen zugerichteten Leichnam in einem Hinterhof gefunden, und als die Ermittlungen Mulder und Scully zu Judith führten und Judith ein wichtiges Stück im Puzzle um die Avorton Inc. war, beschlossen sie mit der Hilfe der Lone Gunmen kurzerhand Agent Randolph ins FBI einschleusen zu lassen. Das stellte für die Computerspezialisten kein großes Problem dar, und es war die einzige Möglichkeit für die beiden Agenten, ihr Leben zu schützen. Judith entwickelte sich zu einer fähigen Agentin, und das in kürzester Zeit. Die Ermittlungen führten die Agenten schließlich – mehr oder weniger freiwillig – in den brasilianischen Dschungel, wo irgendwo versteckt ein großer Laborkomplex stand, der schlussendlich gesprengt wurde. Mit der Entführung Mulders wollte man Judith dazu bringen, sich der Avorton zu stellen. Doch alles kam anders, sie und Scully konnten Mulder befreien und mit Hilfe einer unbekannten Frau konnten sie dem Spuk in dem Laborkomplex ein Ende setzen. Der Avorton-Pharmakonzern stellte verschiedene psychoaktive Chemikalien her, und zu allem Überfluss gab es genetische Experimente an Männern, die dadurch nicht nur kräftiger wurden sondern auch merkwürdige krallenartige Hände bekamen; daher auch die schwarzen Handschuhe.

„Okay. Jetzt weiß ich ja Bescheid. Kann ich dann jetzt gehen?“

Chris war im Begriff aufzustehen, als Judiths Hand ihn unsanft zurück auf den Stuhl drückte.

„Wohin? Nach Hause? Ich bin sicher da waren sie bereits,“ erklärte sie und stützte ihre Hand auf ihren Oberschenkel, dass der Ellenbogen nach oben zeigte.

Mulder kannte diese Geste gut.

„Toll, und was mache ich jetzt?“

Das wussten weder Mulder noch Judith.

„Ja… nu…“setzte Judith an, „Ich kann dich nicht zu dir nach Hause lassen. Ich bin sicher sobald du die Tür öffnest ist das erste und das letzte was du siehst ein wandernder Laserpointerpunkt.“

„Übertreib mal nicht, ich meine, was sollen die von mir schon wollen? Du bist doch diejenige die die Diskette hat.“

„Das wissen wir. Aber ich glaube nicht, dass du die Zeit haben wirst, es denen zu erklären.“

Judith sah Mulder hilflos an, doch sein Blick versprach ihr auch keine Hilfe. Es war für ihn schwer zu fassen, dass Judith vor ihm saß und diese Geschichte mitbrachte. Und noch schwerer war es zu fassen, dass es genau die Judith sein sollte, die er vor 3 Jahren zuletzt gesehen hatte. So hatte sie also die letzten Jahre gelebt, viel zu dunkel für seinen Geschmack. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, warum er sie nicht mehr duzte. Dann fiel ihr ein, dass es im Bureau vermutlich gar nicht so angebracht war. Sie fragte sich, was sie wohl in den drei Jahren erlebt hatten. Sie gab vor sich selbst zu, dass Mulder sich verändert hatte. Er war gealtert, irgendwas war mit seiner Frisur und irgendwie war das Büro anders. Sein Handy klingelte. Er meldete sich wie gewohnt mit „Mulder“ und legte nach ein paar Sekunden wieder auf.

„Scullys Obduktion wartet. Ich gehe da eben hin.“

Judith nickte und Chris tat nichts.

„Sag mal, lief da mal was?“ fragte er als die Tür kaum ins Schloss gefallen war.

„Bitte?“

Judiths Augen öffneten sich weit.

„Du hast mich schon verstanden.“

„Ja, deshalb frag ich ja. Was ist das denn überhaupt für eine Frage? Wir haben soeben festgestellt dass wir in Lebensgefahr sind und du fragst mich so was. Und nein, da lief nichts. Tze!“

Chris amüsierte ihre Empörung sichtlich. Obwohl ihm eigentlich gar nicht zum Lachen zumute war.

„Nasolabialfalten,“ stellte Judith fest und ließ das so stehen. Ohne Kontext.

Chris zog es vor, nicht weiter danach zu fragen. Wer weiß, in welches Wespennest man da schon wieder sticht, dachte er.

Dieses mal dauerte es länger, bis Mulder wieder kam.

„Und mit dem hast du zusammengearbeitet.“

Chris sprach mehr zu sich selbst, er versuchte das alles zu begreifen. Vorhin noch waren sie auf dem besten Weg, Geld für sinnlose Comics auszugeben und nun saßen sie im Keller des FBI-Gebäudes und warteten auf Agent Mulder, der nicht nur irgendwie merkwürdig war und eine groß dimensionierte Nase besaß, nein, überall war irgendein Zeug über Aliens verstreut, oder Artikel über parapsychologische Phänomene. Und das beim FBI.

„Was du vielleicht noch wissen solltest…“

„Was kommt denn jetzt noch?“

„… ist, dass das hier die Abteilung für die X-Akten ist,“ beendete Judith ihren Satz.

„Oha.“

„Also Fälle, die mehr so in Richtung… unerklärliche Phänomene gehen.“

Na toll, diese Aliensachen haben hier also auch noch eine Daseinsberechtigung, weil sich das FBI mit Außerirdischen beschäftigt. Wie abstrus kann dieser Tag eigentlich noch werden?

„Hätte ich mir ja denken können,“ sagte Chris halbherzig.

„Ich weiß, dass das alles gerade auf dich einprasselt. Aber du bist hier in den besten Händen, das kann ich dir versprechen.“

Judith versuchte eine gewisse Zuversicht in ihre Stimme zu bringen, was ihr nur leidlich gelang.

Die Bürotür öffnete sich, diesmal etwas energischer, und Scully trat ein, gefolgt von Mulder.

„Hallo, lange nicht gesehen,“ war das einzige, was Judith einfiel.

Scully reichte Chris die Hand, der sogleich von seinem Stuhl aufstand um Scully zu begrüßen. Noch kleiner als Judith, dachte er.

„Was hat die Obduktion ergeben? Irgendwelche Spuren?“ legte Judith los und stand ebenfalls auf.

„Die Verletzungen sehen aus wie von einem Tier, ich habe schwarze Faserspuren gefunden. Außerdem hat die Polizei das hier am Fundort sichergestellt.“

Scully hob eine Tüte mit einem schwarzen Lederhandschuh hoch.

„Das sieht ja aus wie eine Einladung,“ erklärte Mulder.

„Als würden die sich ihres eigenen Klischees bedienen,“ ergänzte Judith und rieb sich das Kinn.

„Wozu würden die uns denn einladen wollen?“ fragte Chris dazwischen und wusste, dass er lieber hätte nichts sagen sollen.

„Schlag mich, wenn’s nicht stimmt, aber ich fühle dass die uns eine Falle stellen wollen.“

Judith grübelte besorgt. Sie nahm Scully die Tüte mit dem Handschuh aus der Hand und betrachtete das Fundstück von allen Seiten.

„Der ist sauber,“ stellte Mulder fest.

„Allerdings. Wäre er während der Tat getragen worden sähe er jetzt anders aus,“ pflichtete Judith bei.

„Eine Visitenkarte für uns.“

Scully nahm den Handschuh wieder an sich.

„Wie ich sehe sind Sie wieder dabei?“ fragte sie rhetorisch und deutete ein Lächeln an.

„Oh wie unhöflich. Das hier ist Chris Scheller. Hat Mulder Ihnen davon erzählt?“

Scully nickte.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Mr. Scheller. Wir werden dafür sorgen, dass Ihnen nichts geschieht.“

Aus Scullys Mund klangen diese Worte irgendwie vertrauenswürdiger.

„Agent Randolph…“ setzte Mulder an und bedeutete Judith, ihn mit vor die Tür zu begleiten.

Sie gingen aus dem Raum und als die Tür hinter ihnen zugefallen war fiel eine innere Spannung von Judith ab.

„Scully erklärt Ihrem Freund jetzt wie wir weiter verfahren. Wir haben das Zeugenschutzprogramm und wir haben die.“

Sie nickte, und sie wusste nicht, für was sie sich entscheiden sollten. Sie lehnte sich an die Wand neben der Tür und atmete hörbar aus. Dieser Alptraum begann von Neuem. Und sie waren fast machtlos dagegen.

„Was ist los?“ fragte Mulder, als wüsste er nicht schon längst Bescheid. „Sie sind für ihn stark. Wenn Sie Hilfe brauchen…“

Sie schüttelte den Kopf.

„Danke. Alles okay. Ich hab nur nicht damit gerechnet.“

„Wie auch? Wer ist das eigentlich?“

Judith schmunzelte. Sie wusste, was Mulder sich gerade fragte und diese Fragestellung kam ihr verdächtig bekannt vor.

„Ein Freund. Wir kennen uns schon sehr lange. Aber keine Beziehung, so was verdirbt nur.“

Mulder zog die Brauen hoch. „So so“ hätte er beinahe gesagt.

„Ich bin für die. Der Zeugenschutz ist immer noch zu öffentlich. Ich könnte mir vorstellen dass die ihre Finger da drin haben,“ erklärte Judith und nahm ihre gewohnte, aufrechte Haltung an.

„Du hast dich verändert,“ sagte Mulder plötzlich.

Er war unsicher darüber was von dem was er sah nur Maskerade war. Seine Wangenmuskulatur bewegte sich.

„Und wenn du nicht knirschen würdest hättest du keine Nasolabialfalten.“

„Keine was?“ fragte er ungläubig.

„Nicht so wichtig. Ich hoffe bloß, dass wir Scullys Versprechen auch halten können.“

16:30

Büro der Lone Gunmen

Nach einer längeren Unterredung mit Scully waren sie zu viert im Büro der Lone Gunmen aufgelaufen, was die ohnehin beengte Arbeitsstätte der drei Konspirationstechniker noch mehr dezimierte.

„Ihr könnt euch vorstellen warum wir hier sind,“ begann Mulder.

„Klar, Mulder. Du tauchst hier auf und bringst zwei Fremde mit,“ merkte Frohike an wobei er seine Stimme vor Ironie triefen ließ.

„Von wegen fremd,“ tauchte Judiths Stimme hinter Scully auf.

Langly dämmerte es als erstem.

„Sagt bloß, unsere Freunde sind wieder da.“

„Hundert Punkte für die Blondine mit der Brille,“ kam es weiter von hinter Scully, „Könnt Ihr was drehen? Ich meine so wie bei mir damals, nur diesmal mit ihm.“

Judith deutete auf Chris, der die technischen Möglichkeiten des Raumes betrachtete und aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Überall Computer, mit denen alles möglich war, und er war mitten drin.

Während Judith sich ihren Weg bahnte um Langly Chris’ Daten zu nennen zogen Frohike und Byers es vor, sich mit Mulder über die unverhoffte Rückkehr der Avorton Inc. zu unterhalten. Scully beobachtete das ganze abwartend. Sie machte sich zwar auf einen flapsigen Spruch von Frohike gefasst, warf allerdings den ein oder anderen Blick auf Chris, der sich von den blinkenden Lichtern scheinbar hatte hypnotisieren lassen. Sie hoffte genauso, dass sie nicht zu viel versprochen hatte, denn sie wusste um die Skrupellosigkeit von Avorton. So einfach wie mit Judith würde es dieses mal nicht werden.

Mit einem halben Ohr hörte Chris eine Schublade zuschlagen. Langly rief seinen Namen und er sah, wie dieser ihn zu sich herüber winkte. Bevor er sich versah hatte er ebenfalls eine Smith and Wesson in der Hand und unterschrieb auf einem Zettel, den Langly schließlich einscannte. Die erste Panik schien besiegt. Der nächste Schritt ist, sich an die Situation anzupassen, dachte er. Die Waffe in seiner Hand war wider Erwarten schwer. Es war das erste mal, dass er eine echte in Händen hielt. Er hatte für den Moment verdrängt, wie fremd Judith plötzlich auf ihn wirkte. Sie hatte vom einen Moment auf den anderen einfach umgeschaltet, und er fürchtete, dass das, was er von ihr kannte, nur eine Fassade gewesen war. Es war so unwirklich, was ihnen widerfahren war. Und nun stand er in einem Raum, der bis unter die Decke mit Technik vollgestopft war und nur Gott wusste, was hier sonst geschah. Der erste Schock war zwar verblichen, aber er hatte nachhaltige Spuren hinterlassen. Und er hatte das Gefühl, dass es erst die Spitze des Eisbergs war. Judith sah so routiniert aus, und das machte ihm Angst.

„Hier, dein Ausweis.“

Sie warf ihm eine in Leder gefasste Dienstmarke zu und er fing sie auf.

„Noch was?“ fragte Langly.

„Nein. Das war’s. Du kümmerst dich um den Rest.“

Er nickte Mulder zu und die Agenten gingen.

21:00 Uhr

Apartment von Fox Mulder

Judith lag auf der Couch und hatte ihre Augen mit einer gefalteten Zeitung bedeckt. Chris saß stumm in einem Sessel und Mulder tat irgendetwas in seiner Küche. Judith war froh, dass dieser Tag bald vorbei war. Und trotzdem war gar nichts vorbei. Es fing erst an.

„Ich sehe mal nach, was er macht.“

Sie saß plötzlich kerzengerade auf dem Sofa und hob die heruntergefallene Zeitung auf. Chris gab nur ein „mhm“ von sich und blieb in seine Gedanken versunken. Judith hasste es, wenn er das tat. Sie fühlte sich dann immer so ausgesperrt.

„Hey,“ hauchte sie schon fast, als sie sich zu Mulder an den Küchentisch setzte.

„Hey. Ich dachte du schläfst.“

Judith schüttelte den Kopf.

„Ich doch nicht. Einer muss hier ja aufpassen.“

Beide lachten.

Wie Recht sie hat, dachte Mulder und holte sich ein Glas Wasser. Mitten in der Bewegung verharrte er und sah Judith fragend an.

„Danke. Kein Durst,“ sagte sie und stützte ihr Kinn auf ihrem Handballen ab. „Ich hab’ gar nicht richtig mit Scully gesprochen,“ meinte sie weiter als beschwere sie sich über sich selbst.

„Morgen. Wenn ich unsere Freunde richtig einschätze, gibt es Morgen den nächsten Fund.“

Sie schnitt eine Grimasse. Sie mochte nicht daran denken, dass sich die Mordserie von damals wiederholen könnte.

„Ist sie denn sicher in ihrer Wohnung?“

Mulder nickte.

„Pendrell hat sie gefahren.“

So viele Erinnerungen kamen wieder in ihr hoch, das Waldstück, Soldaten, die Strohhalm-Bluttransfusion. Sie rieb über die kleine Narbe in ihrer Ellenbeuge.

„Wir waren am Ende der Welt. Und ich habe das Gefühl wir müssen wieder zurück.“

Sie ließ ihren Kopf hängen, fast genauso, wie Chris es immer tat.

„Ich kann dir nichts angemessenes antworten,“ begann Mulder.

„Musst du nicht. Wir machen das einfach wie immer. Aussitzen, das Beste draus machen und hoffen, dass wir ungeschoren davonkommen. Zumindest teilgeschoren.“

Er lächelte, was sie ungemein beruhigte denn solange es noch einen Grund zu lächeln gab war nicht alles verloren.

„Ob er Hunger hat? Wir haben heute noch kein Stück gegessen.“

„Pizza?“

„Ja vielleicht,“ sagte sie im Gehen.

Mulder trank sein Glas aus und stellte es auf die Arbeitsplatte.

„Scheiße!“

Er machte ein paar große Schritte und stand schließlich hinter Judith, die wie angewurzelt in den leeren Sessel starrte, in dem Chris vor wenigen Momenten noch gesessen hatte. Was dachte er sich dabei, jetzt einfach abzuhauen?

„Verdammter Idiot!“ fluchte sie. „Ich bring ihn um, wenn ich ihn zuerst finde!“

Bevor er irgendetwas sagen konnte war Judith aus der Tür, und er hinter ihr.

„Du kennst ihn am besten, wo kann er hin sein?“

Judith hob die Schultern.

„So was tut er sonst nicht!“

Beide standen vor dem Haus auf der Straße, ratlos in verschiedene Richtungen blickend. War Chris sich der Gefahr nicht bewusst, in der er sich befand? Oder war es ihm egal?

„Wie kann ein einziger Kerl nur so blöd sein?“

Ihre Ratlosigkeit drückte sie in Flüchen aus.

„Einmal um den Block. Ich hier rum, du da rum.“

Mulder nickte und tastete kurz nach seiner Dienstwaffe, die er in aller Eile noch eingesteckt hatte. Sie trennten sich und Judith verschwand in der Dunkelheit. Mulder machte sich in entgegengesetzter Richtung auf die Suche. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Was sollte er von Chris halten? Was verband Judith mit ihm? Sie hatte ihn nie ausführlicher erwähnt. Die alte Vertrautheit war noch da, aber sie hatte in Judith ein neues Gewand gefunden. Nicht ablenken lassen, dachte er.

Judith indes ging eine Straße entlang, auf der sie Chris vermutete. In weiten Abständen standen Bänke aufgereiht und wenn sie ihn richtig einschätzte, hatte er die abendliche Einsamkeit gesucht. Es war spät geworden, schon weit nach 22 Uhr. Langsam musste sie ihn finden. Und tatsächlich, etwa 200 Meter von ihr entfernt sah sie jemanden auf der Rückenlehne einer Bank sitzen. Sie beschloss, sich ihm leise und von hinten zu nähern. Es war Chris, und er hatte sein Gesicht in den Händen vergraben, bis ihn von hinten ein harter Schlag gegen den Kopf traf. Er schreckte hoch und blickte sich um, direkt in Judiths Gesicht.

„Was soll das?“

Er rieb die schmerzende Stelle am Hinterkopf.

„Ja, was soll das? Hattest du heute noch nicht genug? Willst du unbedingt wie eine Zielscheibe hier draußen herum rennen? Bist du noch zu retten?“ zischte sie, gerade laut genug um wütend zu klingen.

„Ich musste raus…“ versuchte er den Ansatz einer Entschuldigung.

„Ich glaube dein Gehirn möchte raus und sich auf dem Bürgersteig verteilen. Siehst du das Auto da hinten?“

Tatsächlich. Nicht weit entfernt stand ein schwarzer Wagen, dieses mal mit Nummernschild. Der einzige Insasse blieb im Dunklen verborgen.

„Meinst du…“

„Keine Ahnung, aber der nächste ist es bestimmt.“

Sie packte ihn unsanft beim Arm und zog ihn mit sich. Sie hörte entferntes Reifenquietschen, das abrupt endete. Sie wechselten einen Blick.

„Lauf!“ schnappte sie und sprintete los, Chris dicht hinter ihr.

Daran wird er sich gewöhnen müssen, dachte sie, als sie ihn schwer atmen hörte. Ihr erster Gedanke galt jedoch Mulder, auf den sie es mit Sicherheit genauso abgesehen hatten. Und sie musste ihn erreichen, bevor irgendetwas passierte.

Sie legte ein strammes Tempo vor, und dabei lief sie schon langsamer damit Chris den Anschluss nicht verlor. Sie vermutete Mulder hinter der nächsten Straßenecke und sie lag damit auch genau richtig. Er stand an eine Wand angelehnt da, in einer Hand seine Dienstwaffe, die andere auf seinen Oberschenkel gestützt, sichtlich außer Atem.

„Mulder?!“

Judith kam näher um zu sehen ob er in Ordnung war. Bis auf eine Schramme im Gesicht war nichts zu sehen.

„Wieder so ein Wagen?“ fragte sie als sie sich vor ihm hingestellt hatte. Sie ging etwas in die Knie um ihm ins Gesicht zu sehen. Er nickte.

„Bist du unverletzt?“

„Ja. Alles okay. Ich bin im letzten Moment zur Seite gesprungen.“

In diesem Moment kam auch Chris bei ihnen an.

„Was ist passiert?“ fragte er.

„Ein Wagen. Du hattest dieses mal Glück.“

Judith berührte Mulder an der Schulter. Sie erkannte, dass sein Hemd gelitten hatte und an den Ellenbogen aufgerissen war. Er atmete noch immer schwer.

„Gehen wir nach oben. Da legst du dich erst mal kurz hin.“

Er schüttelte etwas fahrig den Kopf, legte die Hand in der er seine Waffe hielt auf Judiths Schulter und deutete hinter sie.

Sie hob eine Augenbraue, doch bevor sie etwas sagen konnte hatte Chris sie und Mulder gepackt und zu Boden gerissen. Wo sie soeben noch gestanden haben zierte nun ein Lochmuster die Wand. Sie waren noch in der Nähe, und sie würden nicht aufgeben, bis sie sie hatten.

„Alles okay?“ fragte Chris in der Hoffnung er war nicht zu grob gewesen.

„Mulder, deine Autoschlüssel. Ich fahre.“

Judith hielt ihre Hand auf und Mulder legte die Autoschlüssel hinein. Der Schock war ihm tief in die Glieder gefahren.

„Wohin?“ fragte er, als sie wieder standen.

„Zu Scully. Und dann weg.“

„Moment, was meinst du mit weg? Wo ist weg?“ fragte Chris voller Unverständnis.

„Quatsch nicht, komm lieber mit.“

01:00

Schrottplatz

genauer Ort unbekannt

Ohne Zwischenfälle konnten sie Scully abholen und Judith hatte es vorgezogen, sich noch einmal umzuziehen. Scullys Jeans waren zwar ein wenig eng, aber um einiges bequemer. Nun standen sie etwas abseits vom Eingang, Chris fröstelte zwar, ließ sich jedoch nichts anmerken.

„Worauf warten wir hier?“ fragte er.

„Auf Bekannte.“

Judith malte mit ihren Fingern Anführungsstriche in die Luft. Diese Bekannten hatten ihre Anwesenheit längst bemerkt. Sie ließen sich nur deshalb nicht blicken, weil sie abwarteten ob ihnen jemand gefolgt war. Judith versuchte, den Container auszumachen in dem diese Bekannten wohnten, doch es war zu dunkel dafür. Dennoch schaute sie angestrengt in die Nacht, weil sie nicht wusste, was sie anstelle dessen hätte tun sollen. Endlich bewegte sich ein Schatten und alle außer Chris sahen erleichtert aus.

„Wen bringt Ihr da mit?“ fragte eine Stimme, die zu einem zwanzigjährigen Jungen gehören musste.

„Ein Freund von mir. Ich habe News für euch, die euch interessieren dürften.“

Chris Züge entspannten sich, als er merkte dass Judith den Schatten kannte.

„Okay, kommt rein.“

Das elektronische Tor öffnete sich schabend einen Spalt breit und die vier betraten das Gelände. Es hatte sich kaum verändert, stellten sie fest. Scully fühlte sich hier unwohl, wie eh und je, im Gegensatz zu Judith, die diese Umgebung eher locker nahm, trotz des Wissens dass es sich bei diesen Bekannten um obdachlose Jugendliche handelte, die mit Pistolen und Messern ausgerüstet waren. Der Schatten trat ins Licht, und zum Vorschein kam tatsächlich ein Junge um die zwanzig, breitschultrig und nicht so heruntergekommen, wie man erwartet hätte.

„Hat der ‘ne Waffe?“ fragte er und deutete mit der Kinnspitze auf Chris.

„Lass. Nur eine Dienstwaffe, und die braucht er auch. Unsere Freunde sind wieder da. Hast du eine Ahnung, wer sie koordinieren könnte?“ fragte Judith und versuchte, die Aufmerksamkeit von Chris abzulenken, der zwar größer war, aber nicht breiter.

„Machst du Witze?“

„Wir sind hier nicht zum Spaß,“ fiel Mulder dem Jungen eindringlich ins Wort.

„Ich auch nicht,“ bekam er genauso zur Antwort.

„Cut. Ich möchte gerne wissen ob sich auf dem Sektor was getan habt. Ihr sitzt doch mit Ashley genau an der Quelle. Habt Ihr irgendwas gehört?“ fragte Judith weiter.

„Welche Ashley denn?“ fragte Chris unüberlegt dazwischen.

Judith verdrehte die Augen nach oben. Bitte nicht jetzt, dachte sie. Bitte lass ihn nicht jetzt einen seiner Frage-Anfälle bekommen.

„Hat der Typ ein Problem?“

Judith drängte den Jungen weiter weg von der Gruppe.

„Lass ihn. Er hat heute erst erfahren dass die Avorton ihm ans Leder will, ganz abgesehen von der Leiche die wir gefunden haben; die er gefunden hat. Und die war nicht schön, wenn du verstehst was ich meine.“

Da kann man ja mal ein bisschen Kompetenz einbüßen, dachte sie bei sich. Scully indes bedeutete Chris, sich mit weiteren Einwürfen und Fragen zurückzuhalten.

„Neues vom Devereux-Clan. Nein. Leider gar nichts. Ich dachte Ihr hättet das Pack damals ausgeräuchert?“

Judith nickte bedeutungsschwanger.

„Tja. Zu früh gefreut. Morgen bekommen wir die weiteren Ergebnisse, wer der Tote war und all so was. Vorhin hätten sie Mulder beinahe zusammengefahren.“

„Also machen sie echt ernst,“ rieb der Junge sich das Kinn.

„Natürlich. Die haben geschossen.“

„Und dann kommt Ihr hier her? Klasse Plan.“

Judith nickte.

„Selbstverständlich. Also, was ist? Wie sieht’s mit Unterkunft aus?“

Widerwillig führte er sie in einen leer stehenden Container, der mit Strohmatten und Decken ausgelegt war. Judith setzte sich auf der rechten Seite im Schneidersitz hin und lehnte ihren Kopf zurück, an die eiserne Containerwand. Scully legte sich neben sie, und Mulder und Chris legten sich auf der linken Seite hin.

Ich werde sie beschützen, dachte Judith, kurz bevor sie einschlief. „Ich werde dafür sorgen dass wir ungeschoren davonkommen.“

8:00 Uhr

Schrottplatz

Genauer Ort unbekannt

Es war bereits hell draußen und durch Spalten in den abgedeckten Fenstern drang Licht herein. Judith hatte sich in den Schlaf meditiert und auch alle anderen waren schnell eingeschlafen. Mulder spürte jeden Knochen im Leib, hatte es aber auf Judiths und Scullys Rat hin unterlassen, sich selbst auf Hämatome zu untersuchen. Je mehr man davon weiß, desto mehr tun sie weh, hatte Judith erklärt.

Scully wachte als erste auf. Sie weckte Judith indem sie sie an der Schulter fasste und ihr einen leichten Stoß versetzte.

„Hunger…“ murmelte diese verschlafen.

Langsam richtete Mulder sich auf, und dann Chris. Beide sahen gequält aus und Judith gab sich große Mühe damit, nicht zu grinsen, als sie dies sah. Scully erklärte sich bereit, zum Bureau zu fahren und die weiteren Untersuchungsergebnisse abzuholen. Während Mulder und Chris Scully zum Auto brachten blieb Judith im Container, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und rutschte langsam hinunter, bis sie hockend zum Stillstand kam. Wie oft waren sie dem Tod von der Schippe gesprungen? Vor acht Jahren, mit 18, hatte sie alles eingetauscht. Sie hatte binnen kürzester Zeit alles gelernt, um zu überleben. Ihr Blut floss in Mulders Adern. Und wie oft sie über sich hinausgewachsen war, das hatte sie nicht mehr gezählt. Und trotzdem konnte sie ihm das eine nicht mehr geben. In Samanthas Tagebuch, im Tagebuch seiner Schwester, war mehrfach die Rede von einem gewissen Dr. Jean Devereux gewesen, dem Dr. Devereux, dem Avorton gehörte. Judith hatte sich gewünscht, Mulder Vergeltung zu schenken. Doch bevor sie es konnte, explodierte das riesige Laboratorium und damit war es endgültig vorbei gewesen. Sie fragte sich, was er wohl dazu fühlte. War es wirklich eine Erleichterung für ihn gewesen seine Schwester tot zu wissen? Oder legte sich die Erleichterung nur wie ein Deckmantel über das, was er wirklich fühlte? Doch die Überlegung hatte in diesem Moment keinen Wert. Chris kam herein und kniete sich vor Judith hin.

„Du siehst fertig aus,“ sagte er und Judith wusste, dass er Recht hatte.

„Besser ich als du. Ich will nicht immer so grob zu dir sein, weißt du?“

Ihm standen die Fragezeichen ins Gesicht geschrieben, obwohl er wusste, was sie meinte.

„Das ist die andere Welt, mit anderen Gesetzen. Ich wollte nicht dass du…“ sie stockte.

„Schon okay. Ich weiß. Gestern war verrückt. Heute hab’ ich einen klareren Kopf.“

Sie schloss die Augen und atmete kurz durch. Es gab nicht viele solcher Momente, aber sie ließen auf ihre eigentliche Beziehung zueinander schließen. Umso mehr hatte sie dieser verlorene Kontakt geschmerzt, dieses Abgeschieden sein von allem Bekannten, um einen gewissen Schutz zu garantieren. Die Energie dieses Moments spürte auch Mulder, als er im Eingang stand und wortlos verharrte. Judith bemerkte ihn natürlich und rief „Hey!“ über Chris’ Schulter. Wenn Mulder sich zuvor noch gefragt hatte, wie Judith und Chris zueinander standen, dann wusste er es jetzt. Sie stemmte sich nach oben und unterbrach die Szene damit.

„Sie ist jetzt gefahren, oder?“

Mulder nickte.

„Wir bleiben noch hier bis sie zurückkommt.“ Er hob den Blick nicht.

„Was ist mit dir?“ fragte sie leise und für Chris unhörbar.

Mulder deutete ein Kopfschütteln an, woraufhin sich Judiths Miene deutlich verfinsterte. Als er sich umdrehen wollte hielt sie ihn an der Schulter fest und sah ihm eindringlich in die braunen, ansatzweise glasigen Augen.

„Ich habe mir die letzten Jahre jeden Tag aufs neue Gewünscht, dir Vergeltung schenken zu können. Darin habe ich versagt.“

Für einen Sekundenbruchteil hob Mulder eine Braue, erwiderte aber nichts. Auch Judith senkte ihren Blick und drehte sich zu Chris um.

„Nun heißt es warten,“ sagte sie, als wollte sie eigentlich etwas ganz anderes sagen.

13:00 Uhr

Schrottplatz

Genauer Ort unbekannt

Ein Wagen fuhr vor. Scully war zurück, stieg aus und hielt einen braunen Briefumschlag in der Hand. Sie sah Mulder vor dem Container angelehnt stehen, die Arme verschränkt und den Blick zu Boden gerichtet.

„Mulder?“ fragte sie vorsichtig.

„Scully…“ antwortete er etwas verzögert.

„Sind Sie in Ordnung?“

Er nickte und log so offensichtlich, dass Scully es auch mit geschlossenen Augen bemerkt hätte.

„Wegen Randolph?“ fragte sie weiter und bekam keine Antwort.

Er rieb sich die Augen und spürte, dass seine Finger feucht waren.

„Ich bin im Wagen.“

Und schon war Mulder verschwunden. Scully betrat den Container und warf Judith einen vielsagenden Blick zu. Sie wollte mit ihr reden. Allein. Judith verstand und ging mit Scully wieder hinaus.

„Sie haben die Ergebnisse?“ fragte sie um den Dialog zu beginnen.

„Ja. Randolph, ich mache mir Sorgen um Mulder.“

Judith nickte.

„Ich kann nur raten. Vielleicht ist die Vernarbte Wunde seiner Schwester wieder aufgebrochen. Schließlich war Devereux der Leiter der ganzen Experimente. Aber er sagt ja nichts.“

Es widerstrebte Scully eigentlich, mit anderen Menschen über Mulder zu reden. Man hatte sie dazu utilisieren wollen, genau das zu tun. Damals, als sie in die X-Akten versetzt wurde um seine Arbeit zu überwachen. Judith stellte eine Ausnahme dar. Scully vertraute ihr.

„Ich weiß nicht ob er es Ihnen erzählt hat, aber er glaubt, Samantha sei an seiner Stelle geholt worden. Je tiefer wir in diesem Wespennest gestochert haben desto schwerer wurde es für ihn.“

Judith schüttelte den Kopf. Nein, das hatte er ihr nie erzählt.

„Machen Sie sich nicht zu einem Ersatz.“

„Nur er kann mich zu einem Ersatz machen. Aber ich passe auf.“

Von weitem erkannte Judith, dass Mulder auf dem Beifahrersitz von Scullys Wagen saß, den Kopf in den Nacken gelegt und völlig reglos. Scully hat Recht, dachte sie, drehte sich um und rief:

„Chris? Bist du so weit?“

Er trat ins Freie und blickte von Scully zu Judith und dann zu Mulder. Kaum merklich deutete Judith ein Kopfschütteln an. Frag besser nicht, dachte sie. Er fragte auch nicht, denn er hatte die Geste verstanden.

„Gehen wir zum Auto.“

Als alle vier im Auto saßen öffnete Scully ihren Briefumschlag.

„Das Opfer ist Trevor Riedahl, 31 Jahre alt, Laborant bei einer Firma namens Rat-Ex. Sie stellen unter anderem Insektenvernichtungsmittel her. Bislang sind sie allerdings nicht auffällig in Erscheinung getreten,“ resümierte sie.

„Kommt noch,“ ergänzte Judith und versuchte einen Blick in den Seitenspiegel zu erhaschen, um Mulder anzusehen.

„Jedenfalls klingt das für mich wie eine Nachfolgefirma. Vielleicht stattet man den Brüdern mal einen Besuch ab.“

Wäre es in einem unbeherrschten Moment nach Judith gegangen, hätte sie diese Firma vermutlich einfach vom Erdboden getilgt.

„Was hat Skinner gesagt?“ fragte Mulder und vermied es, sich umzudrehen.

„Er gab sein Einverständnis. Wir haben freie Hand.“

Scullys Tonfall war überrascht. Ihr wurde jede Unterstützung zugesichert, die sie brauchten.

„Und warum nehmen wir dann kein Panzerkommando und marschieren auf deren Parkplätzen auf?“

Judith stieß Chris in die Seite.

„Weil ihr Chef sicher nicht im Bürogebäude sitzt und auf uns wartet. Wir könnten den Laden zwar dicht machen, aber kurze Zeit später wären wir wieder hier. Oder auch nicht, je nach dem wie effektiv diese Jungs arbeiten.“

„Randolph hat Recht,“ pflichtete Scully bei. „Uns muss ein gezielter Schlag gegen denjenigen gelingen, der die Avorton wieder ins Leben gerufen hat.“

„Nur wer…“fügte Mulder hinzu.

„Rausfinden. Vielleicht gibt es die Möglichkeit einen Spitzel einzuschleusen,“ schlug Judith vor. „Was ist denn mit Holbrook?“

Scully musste lange überlegen bis dass ihr der Name etwas sagte.

„Ich meine, der war doch ganz kooperativ. Und niemand würde ihn mit uns in Verbindung bringen.“

Agent Alexander Holbrook hatte die Rettung aus dem brasilianischen Regenwald geleitet. Er war ein fähiger Agent von vielleicht 32 Jahren,

14:45

FBI Hauptgebäude

Washington D. C.

Judith eilte mit Mulder so unauffällig wie möglich ins Hauptgebäude, an den Metalldetektoren vorbei, in den Aufzug und in den fünften Stock. Sie war zwar erst ein Mal in Holbrooks Büro gewesen, wusste allerdings noch genau, wo es war. Ihr fotografisches Gedächtnis war jedoch noch genauso gut gewesen wie damals – eine ernste Konkurrenz für Mulder. Zögerlich klopfte dieser an die Bürotür, die mit „Holbrook“ beschriftet war. Anstatt ein Herein abzuwarten drückte Judith die Klinke herunter und öffnete die Tür. Der junge Agent blickte verdutzt von seinen Papieren auf.

„Agent Holbrook,“ setzte Judith an, „Sie erinnern sich bestimmt an uns.“

Er hob eine Augenbraue und bot beiden Agenten wortlos und nur mit einer Geste zwei Stühle an.

„Danke,“ sagte Mulder und verschluckte ein Räuspern.

„Sicher, ich erinnere mich. Aber was beschert mir jetzt die Ehre?“

Judith erkannte die Skepsis in Holbrooks Stimme sofort, obwohl er sie zu verstecken versuchte.

„Unsere speziellen Freunde sind wieder da,“ sagte sie betont leise, „und sie suchen uns. Alle.“

Dafür kassierte sie einen Seitenblick von Mulder, den sie allerdings gekonnt ignorierte.

„Das heißt, ich habe ein Problem, richtig?“

Sie nickten beide. Die Gleichzeitigkeit dieses Nickens schien Holbrook sehr zu verstören.

„Gut. Nicht gut. Wie lautet Ihr Plan?“

Holbrooks Hand wanderte in seinen Nacken und rieb dort angestrengt die Muskeln.

„Scully und Scheller holen die Unterlagen von damals aus dem Archiv.“

„Scheller?“ fragte Holbrook skeptisch, „Sollte mir der Name was sagen?“

„Er ist…“

„Er ist ein neuer Agent, der in privater Begleitung von Agent Randolph gesehen wurde,“ fiel Mulder Judith ins Wort.

Sie war ihm dankbar, dass er sie immer noch nervigerweise mit seiner Restdiplomatie aus Fragesituationen zu befreien versuchte. Er beschützte sie, immer noch. Sogar vor Holbrook.

„Wir suchen nach einer Möglichkeit, dieses Rattennest auszuheben. Dafür brauchen wir quasi eine Schnittstelle, innerhalb eines Konzerns, den wir als zentrale Schaltstelle in Verdacht haben.“

Sie war froh, dieses Anliegen endlich formuliert zu haben. Es war immer noch eine Rolle, die sie zu spielen hatte, und sie musste sie gut spielen. Im Bureau aufzufliegen hätte für sie zwangsweise eine Flucht in ein anderes Land zur Konsequenz gehabt. Mindestens.

Mulder atmete hörbar ein und lehnte sich aus seiner vormals etwas vorgebeugten Sitzposition zurück. Er wich Holbrooks Blick für einen Moment aus, weil es ihm unangenehm war mit anzusehen, dass bei Holbrook der Groschen nun gefallen war.

„Gute Idee. Ich fürchte, die Liste der Freiwilligen ist nicht besonders lang und ich stehe ganz oben, oder?“ fragte er, nachdem er hart geschluckt hatte.

„Sozusagen,“ erwiderte Judith und riskierte einen Blick zu Mulder, der angespannt wirkte.
Allerdings nur für ihre Augen, denn sie wusste die kleinen Details in seiner Mimik besser zu deuten als jemand wie Holbrook.

„Was soll ich sagen… ich bin dabei.“

Judith lächelte siegessicher, um ihrem Gegenüber zu versichern, dass diese Mission nicht so schwer war wie sie schien.

„Sie schicken Ihre kleine Bewerbung an die Firma Rat-Ex, wir besorgen Ihnen noch exzellente Referenzen und einen neuen Namen. Seitens Director Skinner haben wir die größtmögliche Handlungsfreiheit, die er uns einräumen kann.“

Holbrook wirkte beeindruckt. Er nickte anerkennend und realisierte, dass er noch gar nichts von dem, was ihm bevorstand, realisiert hatte. Es waren die Art von Schwierigkeiten, in die er sich immer brachte, seit er den Dienst beim FBI angetreten hatte. Natürlich wurde er sich der Gefahr erst bewusst, nachdem er zugesagt hatte.

19:00 Uhr

FBI-Hauptgebäude

Washington D.C.

Chris und Mulder warteten in Judiths Wagen auf dem Parkplatz auf Holbrook, mit dem sie alles Weitere besprechen wollten. Eisiges Schweigen beherrschte das Innere des geräumigen Autos, was Chris gerade Recht kam, Mulder jedoch irgendwie unangenehm war. Bei diesem Schweigen ging es um Judith und um das, was Mulder und Chris scheinbar gemeinsam hatten. Judiths deutscher Freund war für Mulder schwer einzuschätzen und er hätte sie, anders als Chris, nie nach dem Verhältnis gefragt, in dem sie zueinander standen. Obwohl er es zugegebenermaßen gerne gewusst hätte.

„Ist er das?“ fragte Chris als er sah wie ein junger Mann in einem anthrazitfarbenen Mantel auf ihren Wagen zusteuerte.

„Mhm,“ nickte Mulder.

Chris öffnete die Beifahrertür, stieg aus und musterte Holbrook skeptisch. Mulder tat es ihm nach, sparte sich jedoch den skeptischen Blick. Holbrook begrüßte Mulder mit einem Kopfnicken und reichte Chris die Hand.

„Sie müssen Agent Scheller sein, richtig?“
„Bingo,“ antwortete Chris.

Er bekam von Holbrook einen messenden Blick.
„Sie sind… groß!“ sagte er erstaunt.

„Ja ich weiß. Sie nicht.“

Was gelogen war: Holbrook war genauso groß wie Mulder, der aber knapp 15 cm kleiner war als Chris mit seinen zwei Metern. Holbrook schmunzelte und stieg hinter Chris in den Wagen.

„Wo geht’s hin?“ fragte er.

„Das ist ‘ne Überraschung. Ins Wunderland quasi.“

Mulder entschuldigte sich in Gedanken bei Holbrook für Chris.

„Ah,“ machte Holbrook. Ein Witzbold, dachte er.

Mulder drehte den Zündschlüssel um und der Motor heulte auf.

„Agent Scully und Agent Randolph sind bereits da. Das, was Sie gleich zu sehen bekommen bleibt am Besten unter uns. Sie werden sehen, warum.“

„Das klingt ja verdächtig nach einer Verschwörung, Agent Mulder.“

Holbrooks Tonfall war spitz. Und Mulder erkannte diese Spitze auch sofort als solche. Chris runzelte über sich selbst die Stirn. Er wusste sofort, warum er von Agent Holbrook Abstand hielt. Dabei war dieser einfach etwas tolpatschig. Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, um was es sich genau bei den X-Akten handelte und welche Ausmaße diese verdächtige Verschwörung hatte.

„Ja. Sie werden sich noch wundern,“ meinte Chris, betont verschwörerisch.

Mulder selbst ging nicht weiter darauf ein. Wäre es seine Art gewesen, hätte er auf die typische Chris-Art seinen Kopf hängen lassen, voll pathetischer Resignation versteht sich. Er war aber auch der Ansicht, dass Chris diesen Job perfekt erledigte. Ein ungutes Gefühl machte sich bei ihm breit, dass es eine schlechte Idee war, Holbrook zu den Gunmen zu bringen. Aber was blieb ihnen übrig? Jede zusätzliche Fahrt mit dem Auto, sogar jede ungenutzt verstrichene Minute auf der Straße war ein Sicherheitsrisiko. Er verzieh Holbrook die dumme Bemerkung. Er konnte es ja nicht ahnen.

„Sie bekommen gleich Ihre Abhörtechnik und alles, was wir fälschen mussten. Aber nicht, dass Sie sich mit dem neuen Ausweis ins Kino schmuggeln.“

Holbrook: 1, Mulder: 1, Chris: 1. Gleichstand.
Holbrook verstand.

Chris schmunzelte und Mulder gab sich in Gedanken selbst ein High-Five. Ein kurzer Blick in den Rückspiegel verriet, dass der Wagen hinter ihnen, der seit 3 Kreuzungen hinter ihnen war, noch immer da war. Mulder schaltete vorsichtshalber seine Paranoia ein und ließ Chris bei Judith anrufen. Kurze Zeit später trat sie aus einer der düsteren Seitengassen auf die Straße, um Mulder, Chris und Holbrook entgegen zu gehen. Mit dem Verfolgerauto im Nacken war es keine gute Idee, bei den Gunmen vorzufahren. Chris bemerkte Mulders ständige Blicke in den Rückspiegel und verkniff es sich, sich auffällig umzudrehen. Erschreckender weise fühlte er sich langsam selbst wie ein Agent, präziser, wie ein gestresster Agent auf der Flucht.

„Holbrook, es hat angefangen. Sie steigen gleich aus und folgen Agent Randolph unauffällig. Sie übergibt Ihnen die Sachen und danach kommen Sie zurück zum Wagen. Wir fahren danach an einen sicheren Ort. Dort besprechen wir alles weitere und treffen auch Agent Scully.“

Holbrook nickte und stieg aus dem Wagen, nachdem Mulder in einer Parkbucht gehalten hatte. Judith stand in einiger Entfernung vor einem Schaufenster und wartete darauf, dass Holbrook sie erkannte und auf sie zu ging. Als dies geschah, steuerte sie auf einen Hauseingang zu, der außerhalb des Sichtbereichs des Fahrers des Verfolgerwagens lag.

„Hey. Wir scheinen ja wirklich beliebt zu sein,“begrüßte er sie.

„Keine Zeit. Nehmen Sie das Zeug hier. Wenn Sie zurück zum Wagen gehen beeilen Sie sich, wir machen uns hier gerade schweinemäßig verdächtig.“

Er nickte ob Randolphs resoluter Stimme.

„Die werden sofort losfahren wenn sie Sie kommen sehen. Ziehen Sie das hier an.“

Sie drückte ihm, nachdem er seine Ausweise und Kabel und Mikrophone verstaut hatte, eine schuss-sichere Weste in die Hand. Er zog diese unter seinen Mantel.

„Und nun laufen Sie!“

Judith selbst verließ den Hauseingang erst, als sie Holbrooks Schritte nicht mehr hören konnte. Sie blickte sich um und sah keinen fremden Wagen, der sich aufdringlich näherte. Alles schien ruhig und Holbrook war nur noch drei Schritte von der Wagentür entfernt, durch die er einsteigen wollte.

Natürlich waren die Verfolger noch da. Und gerade als Holbrook die Wagentür öffnete fuhren sie an Judiths Wagen vorbei, was Mulder einen Blick auf den Fahrer gewährte. Chris sah, dass der Wagen gar kein Kennzeichen hatte.

„Das waren die,“ bestätigte er sich selbst.

Etwas pfiff kurz durch die Luft, eine Vibration, die Mulder durch das geöffnete Fahrertürfenster deutlich spürte. Holbrook legte seine Hand an den Türgriff hinter der Fahrertür, öffnete die Tür aber nicht.

„Holbrook? Chris, Tür auf!“

Chris reagierte nicht sofort sondern ließ erst eine endlose Sekunde verstreichen, bevor er Mulders Befehl verarbeiten konnte. Er sah Holbrooks glasig-erschrockenen Blick und kam erst zur Besinnung als Mulder selbst aus dem Wagen sprang um Holbrook aufzufangen. Als er ihn zu packen bekam sah er im Rücken seines Mantels ein rauchendes Loch.

„Scheiße, rein! Weg hier!“

Chris zog Holbrook unsanft auf die Rückbank und schloss die Tür neben ihm umständlich, als Mulder schon wieder eingestiegen und losgefahren war.

„Ist noch wer hinter uns?“ fragte Mulder, der so schnell fuhr, dass er es im Moment nicht wagte, den Blick von der Straße zu nehmen.

„Scheiße…“ keuchte Holbrook und verwarf den Plan, tief durchzuatmen.

„Alles okay? Wo wurden Sie erwischt?“ fragte Chris prüfend.

„Im Rücken. Verdammtes Glück mit der hier…“

Holbrook öffnete den Mantel und die Weste kam zum Vorschein. Sie half zwar gegen durchdringende Kugeln, verhinderte aber keine Prellungen, die sehr schmerzhaft ausfielen und ohne Probleme auch gebrochene Rippen ergeben konnten.

„Judith…“ schnappte Chris und hoffte, dass es ihr besser ergangen war. „Ich ruf sie an.“

Als sie seinen Anruf wegdrückte wusste Chris, dass alles in Ordnung sein musste. Holbrook kniff schmerzvoll die Augen zusammen, als Mulder unsanft über die Schlaglöcher donnerte.

„Krankenhaus?“ fragte Chris.

Holbrook schüttelte den Kopf.

„Nein, das heilt bestimmt von selbst.“

Für einen Spruch geht es ihm wohl noch nicht schlecht genug, dachte Chris, sagte aber nichts und lächelte nur schief. Zu Kranken sollte man schließlich höflich sein, hatte man ihm als Kind beigebracht. Aber vielleicht würde er ja die Prellung vergessen und ihm beizeiten aufmunternd auf die Schulter klopfen, falls das nötig werden würde.

Eine endlos scheinende Irrfahrt durch die gesamte Stadt führte sie schließlich zu dem Schrottplatz, auf dem sie übernachtet hatten. Judith und Scully warteten bereits, was man an ihren Silhouetten erkennen konnte, seit längerem auf die drei. Das Tor öffnete sich, wieder nur einen Spalt breit, und Mulder und Holbrook, gestützt auf Chris, traten ein.

„Was ist los?“ rief Judith, die es sich zwar bereits denken konnte, aber trotzdem nachfragte.

„Sie haben auf ihn geschossen. Das Auto, das uns verfolgt hat, war nur eine Ablenkung,“ erklärte Mulder.

„Toll. Bringt ihn rein.“

Judiths Blick fixierte kurz das Loch in Holbrooks Mantel, danach wandte sie sich wieder Scully zu, mit der sie sich bis zum Eintreffen ihrer Partner unterhalten hatte.

„Wie sinnvoll ist das noch, Holbrook bei Rat-Ex einzuschleusen, wenn sie bereits auf ihn geschossen haben?“ fragte diese.

„Ziemlich sinnvoll. Glauben Sie, die halten uns für so bescheuert ihnen ein bekanntes Gesicht unterzujubeln? Eben.“

Eine sehr gewagte Theorie, wie Scully fand, erschreckender weise aber auch irgendwie stimmig.

„Hoffen wir’s. Ich seh’ mir mal seine Prellung an.“

Beide gingen in den Container und Judith ließ sich neben Mulder auf den Boden sinken, mit einem Auge beobachtend, wie Scully sich Holbrook vorstellte und ihm dabei half, die Weste, und alles andere nötige auszuziehen. Der Bluterguss, der jetzt zum Vorschein kam, tat Judith bereits beim Hinsehen weh. Sie ließ sich dies aber nicht anmerken, wandte ihren Blick schließlich von Holbrook ab und Mulder zu, der sie musterte.

„Was?“ fragte sie.

„Das wollte ich dich gerade fragen,“ sagte er und hätte Judith es nicht besser gewusst, hätte sie es spitzbübisch genannt.

„Für einen Agent ist er irgendwie… tolpatschig. Glaube ich.“

Ihre Stimme war gerade so laut, dass Mulder sie verstehen konnte.

„So?“ fragte er, „Dafür konnte er aber nichts.“

„Ich weiß. Kommt mir einfach so vor. Ich hab ein paar Zweifel, ob er der Sache gewachsen ist.“

Mulder erzählte Judith, wie Holbrook es auf der Fahrt geschafft hatte, sowohl bei ihm als auch bei Chris ins Fettnäpfchen zu springen. Sie lachte laut auf.

„Aber er hat doch Recht. Ein Bisschen. Chris ist wirklich groß,“ grinste sie und stieß Mulder mit dem Ellenbogen an, so wie sie es damals gemacht hatte.

„Was habt ihr denn für Spaß?“ kam Chris dazu und setzte sich neben Judith, zwischen sie und Mulder.

„Ach nix, du bist groß.“

„Ach so,“ meinte er und tat so als hätte er das heute schon zum x-ten Mal gehört.

„Keine Ahnung, das Hämatom sah ziemlich fies aus. Für heute lässt du ihn besser in Ruhe.“

Als hätte Judith gewusst, dass Chris gerne eine Gelegenheit ergriffen hätte um Holbrook zu ärgern. Sie hatte es tatsächlich gewusst, schließlich kannte sie Chris seit ein paar Jahren.

Als Scully Holbrook wieder in sein Hemd geholfen hatte stand sie auf und kam zu den anderen herüber.

„Die Rippe scheint angebrochen aber das Schlimmste ist die Prellung, wir brauchen also kein Krankenhaus.“

Mulder nickte.

Holbrook saß mit einer Schulter angelehnt an der Wand da und ließ seinen Kopf kraftlos nach vorn sinken. Als er wieder aufsah, starrte er direkt in Judiths Gesicht.

„Müde?“ fragte sie und wartete sein Kopfnicken ab, „dann legen Sie sich doch hin. Wenn das geht, heißt das. Haben Sie gesehen, wer geschossen hat?“

„Nein. Gar nichts. Der Schuss kam ja auch nicht aus dem Wagen sondern von hinten.“

Judith nickte und sparte sich ein „Hätte ja sein können.“.

„Ich könnte im Wagen nach Schmerztabletten schauen, wenn Sie wollen.“

„Nein, danke. Ich bin allergisch.“

Holbrook versuchte auf die Beine zu kommen und war fast erschrocken, als Judith ihm fast schon leicht aufhalf.

„Ich trainiere viel,“ erklärte sie, als sie seinen verwirrten Blick bemerkte.

Die gleiche Lüge hatte sie Mulder gegenüber auch benutzt, als er es bemerkte. Zum Glück gab Holbrook sich damit zufrieden und stellte keine weiteren Fragen, sodass Judith sich einfach zu den anderen gesellte als sie ihm zu seinem Schlafplatz geholfen hatte.

„Das Glück ist mit den Dummen,“ meinte sie und ließ sich auf den Boden fallen.

„Richtig,“ pflichtete Chris bei und stützte sich mit den Händen nach hinten ab. Doch auch das entspannte ihn nicht.

„Morgen wird hart. Wenn es Holbrook besser geht müssen wir morgen versuchen, hier ungesehen runter zu kommen und ihn zu seinem neuen Apartment bringen. Hoffentlich bleiben unsere Freunde diesmal wenigstens weg.“

Mulder verzog keine Miene. Er sah sich in Gedanken bereits wieder im Auto sitzen und er hasste diesen Gedanken weil er ihn anstrengte.

„Schlafen?“ fragte Scully.

„Aber bitte.“

Judith raffte sich ihre Decke und ihr Kissen zusammen, legte sich hin und schlief ein, genauso wie die anderen.

6:00 Uhr

Apartmentkomplex in der Nähe des Firmensitzes von Rat-Ex

genaue Adresse unbekannt

Washington D.C.

Der Himmel war grau verhangen. Zwei Autos hielten auf dem angeschlossenen Parkplatz und die fünf Insassen stiegen aus um strammen Schrittes das Apartmentgebäude zu betreten. Holbrooks vorläufige Unterkunft lag im ersten Stockwerk. Hier würden sich auch Mulder, Judith, Scully und Chris zunächst niederlassen, während Holbrook genug Informationen sammelte, die ihnen helfen würden, endlich die Verantwortlichen festzunehmen. Scullys Mobiltelefon hatte bereits mehrfach geklingelt; es hatte weitere Leichenfunde gegeben, weitere Handschuhe und einen Anruf für Mulder und Judith. Die Telefonate wurden aufgezeichnet und ergaben eigentlich nicht viel, bis auf die Tatsache, dass beide von jemandem verlangt wurden, dessen Stimme sie nicht kannten, geschweige denn den Namen.

„Die wollen mich wiederhaben, schätze ich. Vielleicht wollten die auch nur wissen, ob ich da bin.“

Judiths Blick wanderte besorgt zu Mulder, der sich mit den alten Unterlagen beschäftigte. Er suchte nach einem Muster, nach einer Struktur, die auf die Psychologie hinter diesen Verbrechen schließen ließ. Sie würden auch ihn wollen, schließlich war er ein Teil dessen, an dem sie arbeiteten, untrennbar verbunden durch das Schicksal seiner Schwester Samantha. Hass arbeitete hinter seiner Brust und schien ihn in den Magen zu boxen, je länger er die Blätter in Händen hielt. Eine Kopie seines Berichtes, Fotos und seine Krankenakte. In dem flachen Karton vor ihm lag ein weiterer Stapel Papiere, Aufzeichnungen, die Judith hatte aus dem Laborgebäude mitgehen lassen.

„…ist der Aufenthaltsort von Agent Randolph bis auf weiteres unbekannt.“

Seine Finger glitten über diese letzte Zeile. Bevor die Worte ihm noch mehr anhaben konnten warf er die Papiere zu Boden.

„Mulder?“

Scully sah ihn so verwundert wie besorgt an. Er schüttelte nur kaum merklich den Kopf. Urplötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und zu seinem eigenen Erstaunen war es die Hand von Chris.

„Kaffee?“ fragte er und bedeutete ihm, ihn in die Küche zu begleiten.

Dort schenkte er in zwei Tassen heiß dampfenden Kaffee ein und setzte sich an den kleinen Küchentisch. Mulder lehnte sich gegen die Arbeitsplatte und wartete ab. Er wusste, was kommen würde.

„Sie wird Sie immer beschützen, ich hoffe Sie sind das wert,“ begann Chris.

Mulder verzog keine Miene, er baute bloß darauf, das drohende Platzhirschgehabe schnell und unkompliziert überstehen zu können indem er so wenig wie möglich reagierte.

„Ich wüsste nur gerne, warum.“

„Wir verdanken uns alle gegenseitig unser Leben…“ sagte Mulder fahrig.

„Ja, klar. Aber da ist doch sicher noch was.“

„Was wird das? Ein kleines Privatinterview?“

Der Hass von eben machte einer gewissen Aggression platz.

„Ich hab gesehen wie Sie sie anstarren.“

Chris’ Tonfall wurde abfällig. Mulder atmete hörbar genervt aus und hob beschwichtigend die Hände.

„Hören Sie, ich weiß nicht was das soll. Und ich weiß nicht, was Sie das alles angeht. Ich weiß nur, dass wir hier zusammenarbeiten müssen.“

Es funktionierte nicht.

Chris nahm einen Schluck aus seiner Tasse und stellte sie geräuschvoll wieder an ihren Platz. Es war gefährlich. All das hier war zu gefährlich für ihn und für Judith. FBI, Schwachsinn! Er stand auf und sah auf Mulder herab.

„Wenn Sie alles tun können und alles lösen können, warum jagen Sie diesen scheiß Bau nicht einfach in die Luft?“

Er stieß ihm mit zwei Fingern gegen die Schulter.

„Na? Ganz einfach, weil Sie es nicht können. Weil das hier alles Bullshit ist.“

„Sie stehen unter Stress. Ich werde wieder ‘rübergehen…“

„Einen Scheiß werden sie!“

Chris hielt Mulder an der Schulter fest, als dieser sich auf die Tür zu bewegte. Als sich der Griff nicht augenblicklich lockerte fuhr Mulder herum und drehte Chris den Arm auf den Rücken, sodass dieser in die Knie ging. Verwundert schrie dieser kurz auf.

„Ich warne Sie, Scheller. Noch so ein Ding und Sie sind draußen, völlig egal, was Judith dazu sagt.“

Judith hatte Chris natürlich gehört, hielt Scully jedoch auf, als sie in die Küche gehen wollte um nachzusehen was dort vor sich ging.

„Das musste irgendwann passieren. Die hauen sich jetzt einmal die Köpfe ein und dann ist Schluss mit dem Kindergarten.“

Sie blieb völlig gelassen, zu Scullys Unverständnis.

„Das brauchen wir jetzt nicht. Sie wissen, zu was das führen kann.“

Judith nickte, und blieb dennoch ruhig in ihrem Sessel sitzen, über einem Stapel Blätter brütend.

„Und wenn schon. Mulder macht das schon.“

Richtig. Er hatte Chris aus dem fixierenden Griff entlassen und sich wieder aufgerichtet. Scully verfluchte sich dafür, dass sie sich von Judiths Ruhe so hatte anstecken lassen. Erst, als in der Küche eine Tasse zu Bruch ging sprang Judith auf, „Jetzt reicht’s mir!“ rufend.

„Chris!“

Chris konnte seinen Kinnhaken gegen Mulder nicht mehr abbremsen. Dieser taumelte zur Seite und kam am Waschbecken zum Stehen. Judith packte Chris mit einer Hand im Genick, schmerzhaft zudrückend.

„Herzchen, es gibt da eine Sache, die ich dir nie erzählt habe. Ich kann dich in der Mitte durchreißen. Einfach so. Und ich hoffe für dich, dass du einen guten Grund hierfür hattest.“

„Wie? Was?“ stammelte Chris und wunderte sich über Judiths Kraft in ihren eigentlich grazilen Fingern.

„Wie, was…“ äffte sie ihn nach, „Ich glaub, du verschwindest ins Wohnzimmer.“

Stille.

„Los jetzt!“ brüllte sie ihn an.

Er ging.

„Alles in Ordnung?“

Sie legte ihren Kopf schief und dirigierte Mulder zu einem Küchenstuhl.

„Ja. Wir haben ein Problem.“

„Offensichtlich,“ stimmte sie zu. „Du blutest.“

Eine kleine Platzwunde war durch Chris’ Schlag an Mulders Unterlippe entstanden.

„Ich wollte eigentlich nie offen zugeben, dass ich so bin. Ich glaube das ist mir gerade rausgerutscht.“

„Wieso? Wie bist du denn?“ tat Mulder ahnungslos.

„<Hör schon auf. Das ist doch der Grund, warum sie mich und dich wollen. Mein Blut fließt in deinen Adern.“

Er legte den Kopf in den Nacken, schloss kurz die Augen und wünschte sich, nicht daran erinnert worden zu sein.

„Hatte ich schon fast vergessen.“

Instinktiv griff er sich in die Ellenbeuge.

„Ja, klar.“

Sie lächelte schief. Es war wie damals. Er versuchte immer noch, es zu verdrängen.

„Du hast aber noch keine Effekte, oder?“

„Nein,“ antwortete er. Außer ein paar gelegentlichen Alpträumen, einer deutlich besseren Wundheilung, erhöhter Kondition und Körperkraft. Eigentlich fast gar nichts.

„Gut.“

Vor nicht ganz einem halben Jahr hatte er noch auf der Flucht einen von ihnen erschossen. Zumindest hatte er ihn verletzt. Und jetzt saß er da und plauderte mit ihrer „Mutter“. Supersoldaten hatte man sie genannt. Und eine Unterspezies waren die klauenbewehrten Männer, die die Avorton Inc. seit geraumer Zeit ins Rennen schickte, um unliebsame Mitarbeiter zu eliminieren. Medienwirksam, versteht sich. Judith war eine von ihnen. Eine Art Prototyp, mit idealen genetischen Anlagen und, aus irgendeinem Grund, übernatürlichen Kräften. Sie selbst ging davon aus dass sie eine Art Produkt war, künstliche Befruchtung, irgend etwas in der Art. Und weil diese Tatsachen für sie so schwer zu verdauen waren hatte sie sie Chris komplett verschwiegen. Bis jetzt.
„Oh Mann, ich bin völlig daneben.“

Chris ließ sich neben Scully auf das Sofa fallen.

„Ja,“ erwiderte sie.

„Danke. Irgendwas stimmt doch mit ihr nicht. Ich meine, wieso kann sie mich einfach so packen?“

Scully runzelte die Stirn. Sie fragte sich, was Chris wusste und warum er das nicht wusste.

„Sie ist… wir nennen diese Leute Supersoldaten. Ihr Bruder Brian war an dem Projekt vor zehn Jahren beteiligt. Wir nehmen an, dass er getötet wurde, weil er unbequem wurde.“

Supersoldaten. Klar doch.

„Und jetzt mal im Ernst.“

Scullys Miene verfinsterte sich kaum merklich.

„Sie verstehen nicht. Agent Randolph hat vor meinen Augen eine Wagentür aus der Verankerung gerissen.“

Chris schwieg einen Moment lang. Er versuchte diese Unglaublichkeit zu fassen, zu begreifen.

„Und was ist das mit Agent Mulder?“ fragte er schließlich.

„Was, das?“

„Warum die sich so vertraut sind.“

„Sie sagt immer ihr Blut fließt in seinen Adern. In der einen oder in der anderen Hinsicht. Es gibt Grund zu der Annahme dass sie seine Schwester ist. Oder zumindest mit ihr für kurze Zeit zusammen war.“

„Das wird mir zu kompliziert,“ erwiderte Chris und rieb sich die Stelle an der Nasenwurzel mit zwei Fingern.

„Uns allen. Sie haben Mulder damit in der Küche provoziert.“

Chris fühlte einen Stich ins Herz. Gottverdammter Idiot, dachte er.

„Tun Sie sich selbst einen Gefallen und lassen Sie das.“

Er wagte es nicht mehr, seinen Blick in Scullys Gesicht zu richten. Sie hatte Recht, mit allem. Das alles war so unwirklich, was störten ihn da noch Supersoldaten. Die Kehrseite der Medaille, die Mulder bisher sechs mal zu spüren bekommen hatte, waren merkwürdige Anfälle. Judiths Blut schien in ihm einen Vorgang ausgelöst zu haben, der nicht nur zu einer Verbesserung seines körperlichen Zustands führte, sondern auch zu einem innerlichen Kampf der Immunsysteme.

„Zeig mal her.“

Judith betrachtete angestrengt Mulders Unterlippe, benetzte ihren Daumen kurz mit etwas Speichel und fuhr über die Wunde. Die Blutung hatte sofort gestoppt.

„So gut wie neu,“ grinste sie und verkniff es sich eisern, Mulder in die Wange zu kneifen.

„Wirkt das jetzt auch noch blutstillend?“

Chris war im Türrahmen aufgetaucht und Judith wusste genau, dass Scully ihm alles erzählt haben musste.

„Nein, aber in Bio hat unsere Lehrerin mal gemeint, dass das mit den Enzymen gut wäre gegen sowas.“

Chris senkte den Blick, als Mulder ihn mit einer Mischung aus Unverständnis und Ärger ansah.

„Ich sollte dir tierisch aufs Maul hauen.“

Judith schüttelte den Kopf.

„Erstens war das eben ein Angriff auf einen Bundesagenten, zweitens vertrödelst du damit unsere wertvolle Zeit und drittens sollte ich dir aufs Maul hauen.“

Sie spürte Mulders Hand beschwichtigend an ihrem Unterarm. Sie schüttelte die Berührung jedoch ab.

„Geht es dir mit der Wahrheit besser?“ fragte sie. „Wolltest du das wissen? Oder wäre dir die andere Version lieber gewesen?“

Chris sah sie noch immer nicht an.

„Ich bin, was ich bekämpfe, Chris. Und er ist ein Teil davon.“

Scully tauchte hinter Chris auf, schob sich vor ihn und erwiderte:

„Und er auch. Und ich.“

„Mit dem Unterschied, dass Sie kein Bausatz sind. Sorry.“

Judith zwängte sich zwischen Chris und Scully hindurch und ging durchs Wohnzimmer ins Schlafzimmer um sich aufs Bett zu legen und nachzudenken.

<12:00

Apartmentkomplex in der Nähe des Firmensitzes von Rat-Ex

genaue Adresse unbekannt

Washington D.C.

„Holbrook hat sich gemeldet.“

Scully hielt ihr Handy noch in der Hand, sichtlich angespannt.

„Und?“ kam es von Judith, die sich in einer Ecke des Raumes mit einem Schnellhefter verschanzt hatte. Sie schien bis dahin völlig konzentriert, und hätte man nicht genau hingesehen dann hätte man sie leicht übersehen können.

„Alles läuft planmäßig. Wir können gehen.“

Judith nickte und wandte sich zu Mulder und Chris um, die sich seit einer halben Stunde unterhielten. Worüber, das hatte sie nicht hören können, aber scheinbar hatten sie ihren Streit beigelegt. Chris saß der Schreck, dass Mulder ihn einfach so gepackt hatte, noch in den Knochen. Der Agent war wohl doch kein Papiertiger. Und der Rückschluss, dass Judith um einiges kräftiger war, als er bisher immer geglaubt hatte, schürte das mulmige Gefühl in seinem Magen weiter an. Supersoldaten. Trotzdem Schwachsinn.

„Okay, dann los. Sollte einer von uns hierbleiben falls Holbrook noch Hilfe braucht?“

Judith nahm sich ihre Jacke, zog sie an und fühlte in ihren Taschen ob alles an seinem Platz war.

„Kein Problem,“ meldete Mulder sich und hob demonstrativ ein paar Zettel, die er seit zehn Minuten vergessen hatte wegzulegen.

Scully, Judith und Chris verließen das Apartment, stiegen in Scullys Wagen.

Mulder atmete durch. Chris’ Handgreiflichkeit stellte ihn zwischen Chris und Judith. Er hielt es für klüger, diesen Gedanken beiseite zu legen. Es ging um wichtigeres als das. Es ging darum, dem Spuk ein Ende zu machen und den Geistern der Vergangenheit ihre wohlverdiente Ruhe zu schenken. Es ging um…

…da war es wieder. Es fraß seine Gedanken, noch bevor er sie denken konnte. Mit Alpträumen hatte es begonnen. Sie waren gekommen, kurz nachdem ihm aufgefallen war dass er nach einem Schnitt an einem Blatt Papier gar nichts gespürt hatte, und dass ihm Glasscherben auch nichts mehr anhaben konnten. Zumindest nicht viel.

Es passierte in den letzten acht Jahren immer öfter, erst waren es kurze Erinnerungslücken. Doch eines Tages waren sie darin gegipfelt, dass er sich auf dem Boden seines Büros wiedergefunden hatte. Zum Glück war Scully ihm nicht zuvorgekommen, dachte er. Mittlerweile kündigte es sich an. So wie jetzt.

Alles wurde schwarz.

16:45

Die Tür flog krachend auf. Zuerst trat eine Frau ein, danach ein deutlich größerer Mann.

„Da stimmt was nicht,“ hörte man ihn flüstern.

Sie nickte bloß und zog ihre Waffe. Vorsichtig ging sie voraus, ihrem Begleiter mit ausgestreckter Hand bedeutend dass er zurück bleiben sollte, was er auch tat. Er wirkte deutlich unsicher und zog seine Waffe nicht, obwohl er eine hatte.

Dumpfe Schritte und Worte, die er nicht verstand.

„Hier!“

Sie steckte ihre Waffe wieder weg und kniete sich auf den Boden.

„Waren die etwa hier?“

Mulder lag flach atmend auf dem Boden. Er schien irgendwie verkrampft.

„Ist er…?“

„Hilf mir mal.“

Sie griff Mulder unter die Arme und beide legten ihn aufs Sofa.

„Judith?“

„Bleib bloß liegen!“sagte sie mit bedrohlichem Unterton. „Du hast gelogen.“

Mulder kniff die Augen zusammen und öffnete sie dann. Er sah Judiths verschwommene Umrisse deutlicher werden, hinter ihr tauchte Chris auf.

„Alles okay?“ fragte sie und sah besorgt aus.

Chris sah ihr über die Schulter und traute sich nicht, näher zu kommen.

„Erinnerst du dich, wie das passiert ist?“

Er nickte. Er fühlte sich noch wie gelähmt, schwach und Angst machte sich in ihm breit. Niemand hatte bisher davon gewusst.

„Das war auch nicht das erste Mal, oder?“

Mulder deutete ein zaghaftes Kopfschütteln an. Judith atmete scharf ein.

„Wie lange schon?“

Seine Lippen formten „acht“.

„Großartig.“

Natürlich hatte er es vor Scully verborgen, Judith zweifelte keine einzige Minute daran.

„Du hättest es mir sagen müssen. Aber egal jetzt, kannst du aufstehen?“

Er versuchte es zumindest. Chris trat an ihn heran und half ihm auf.

„Danke. Es tut mir leid,“ wandte sich Mulder erst an Chris, dann an Judith.

„Mir auch. Wir finden einen Weg. Da ist Holbrook.“

Irgendetwas sagte Mulder, dass sein Geheimnis bei den beiden sicher sein würde. Holbrook trat ein und betrachtete das Türschloss, das aus dem Holz gebrochen war.

„Hi, kleines Kreislaufproblem. Aber das geht gleich wieder,“ schwindelte Judith und winkte Holbrook zu, der einfach nur verdutzt schien.

Er kam näher und sein Gesichtsausdruck wurde besorgter, als er Mulder auf Chris gestützt dastehen sah.

„Kann ich irgendwie helfen?“

„Nein nein…“ meinte Chris beschwichtigend.

Sie gingen aus der Wohnung und Judith blieb noch kurz, um Holbrook zu erklären was geschehen war. Ihre Version, jedenfalls.

„Es geht ihm soweit gut. Ich glaub das war einfach nur niedriger Blutdruck. Haben Sie was rausgefunden?“

Holbrook nickte, hatte jedoch keinen vielversprechenden Gesichtsausdruck.

„Ich brauche noch eine Weile, bis ich Zugriff auf alle Informationen habe, die wir brauchen. Sie werden lachen, wenn Sie hören, wer die Firma leitet.“

„Jean Devereux.“

„Woher wussten Sie?“ fragte Holbrook verwundert.

„Ich frage mich eher, woher Sie das so schnell hatten. Normalerweise versteckt sich dieser Kerl besser.“

„Judith!“ polterte es im Treppenhaus.

Sie hob kurz eine Augenbraue und sprintete los. Chris’ Stimme war unnatürlich hoch vor Angst. Irgendetwas war mit Mulder, sie wusste es sofort. Holbrook folgte ihr. Als er jedoch sah, was im Flur geschehen war, blieb er wie angewurzelt stehen und fühlte kurz seine Knie weich werden. Judith machte einen Satz und landete neben Chris auf dem Boden kniend.

„Er ist einfach kollabiert…“ stammelte Chris.

Schweiß stand auf Mulder Stirn und er fühlte sich fiebrig an, fand Judith.

„Was ist mit ihm?“fragte Holbrook vorsichtig.

„Kreislaufzusammenbruch.“

Natürlich, aber was war der Auslöser? Langsam verkrampften sich seine Muskeln, erst nur in kleinen Schüben, dann völlig.

„Hol einer Scully, los!“

Sie schubste Chris, der beinahe das Gleichgewicht verlor, sich aber doch noch fing und aufsprang um mit seinem Handy Scully anzurufen. Judith tastete nach Mulders Puls, der viel zu schnell und bald nicht mehr tastbar war.

„Komm schon, wach auf!“ ihre Stimme wurde eindringlicher, „Verdammte Tat, mach schon!“

Sie schob eines seiner Lider nach oben und sah dass die Pupillen nach oben verdreht waren. Was zum Teufel ist das? fragte sie sich.

„Sie kommt. Was hat er?“

Chris kniete sich wieder neben Judith. Er legte seine Hand auf ihre Schulter und versuchte, ihr ins Gesicht zu sehen, was ihr herabfallender Pony jedoch erschwerte.

„Keine Ahnung. Was auch immer das ist, ich fürchte ich weiß zumindest, woher er es hat.“

Dieser Groschen war bei ihr sofort gefallen. Sie hatte es bereits geahnt, als sie ihn gefunden hatten.

„Erklär’ ich dir später. Wir sollten zusehen, dass die Krämpfe aufhören. Hoffen wir dass Scully irgendwas Spasmolytisches mitbringt.“

Mulder öffnete schlagartig die Augen, in denen die pure Angst geschrieben stand. Scheinbar war der Anfall zum ersten Mal so stark.

„Kannst du mich verstehen? Hilfe kommt gleich, bleib bloß wach, hörst du?“

Er deutete ein Kopfnicken an. Seine Muskeln schienen sich wieder zu entspannen.

„Wo…?“

„Im Flur. Wir sind alle da, dir passiert nichts.“

Judith ließ ihre Hand auf seiner Schulter ruhen. Sie hoffte, dass sie nicht gelogen hatte.

Die Haustür im Erdgeschoss öffnete sich geräuschvoll und Schritte kamen die Treppe herauf. Das ist nicht Scully, dachte Chris, das sind Männerschuhe. Er stand auf und legte seine Hand auf seine Waffe im Holster. Judith sah zu ihm hoch. Er schien angestrengt zu horchen, genau wie Holbrook jetzt. Nun stand auch sie auf und sah nach unten. Tatsächlich kam ein Mann die Treppe herauf, sie konnte seine Hände am Geländer erkennen.

„Was ist das denn hier?“ fragte er erstaunt, als er die Vier auf dem Treppenabsatz sah.

„FBI. Wir hatten ein kleines Problem. Bitte gehen Sie einfach weiter, wir haben alles unter Kontrolle.“

Judith sah so kompetent aus wie nur möglich. Und der arglose Hausbewohner schien es ihr auch abzukaufen und sich gar nicht weiter zu fragen was das FBI überhaupt hier tat. Als er weg war verdrehte Judith die Augen in Chris’ Richtung.

„Ganz schön professionell,“ bemerkte er nur und bedachte nicht, dass Holbrook den Kommentar nicht verstehen würde. Für ihn waren beide FBI-Agenten. Mulder versuchte indes, sich aufzusetzen. Sein Kopf schien Anstalten zu machen zu zerspringen, seine Arme und Beine schmerzten und es drehte sich alles vor ihm, selbst wenn er die Augen schloss.

„Hey, nicht so schnell!“

Holbrook hielt ihn davon ab, aufzustehen.

„Es geht schon.“

Mulders Stimme verriet bereits, dass er log.

„Sie haben uns einen ziemlichen Schrecken eingejagt,“ fuhr Holbrook fort.

Mulder erwiderte ein Kopfnicken und ein undeutliches „Es tut mir leid“, das eher Judith galt. Zumindest sah er sie schuldbewusst an. Ihre Blicke trafen sich kurz und sie sah besorgt aus. Es war ihre Schuld, es war ihr Blut, das diesen Effekt auf ihn hatte. Und er entschuldigte sich. Sie hatte es damals nicht wissen können, und vielleicht hatte sie ihm nur für den Moment das Leben gerettet, danach aber alles zerstört.

„Alles okay, Mulder. Scully ist sicher unterwegs. Wir lassen dann vom Hausmeister die Tür zu Holbrooks Apartment reparieren und fahren dann zu mir. Ich hab’ eine Idee, wo unser Gral sein könnte.“

20:00

Haus von Judith Randolph

Stadtrand von Washington DC

Judith hatte Chris, Scully und Holbrook im Erdgeschoss im Wohnzimmer „geparkt“ und Mulder mit in den ersten Stock genommen. Er war seit 8 Jahren nicht mehr hier gewesen, und damals hatte ihn ein kräftiger Mann unsanft gegen den Heizkörper geschleudert. Der Heizkörper war sogar noch da, auch die Beule, die Mulders Aufprall hinterlassen hatte. Damals war dies hier noch Brians Haus gewesen. Judith hatte einen Hund besessen den sie Dragon genannt hatte, der alles andere als so Furcht erregend wie ein ebensolcher gewesen war. Nachdem Scully angekommen war, aber bei Mulder nichts feststellen konnte, waren sie hier her gefahren um endlich diesen geheimnisvollen Datenträger zu finden, nach dem Avorton all die Jahre gesucht hatte.

„Verrätst du mir, was das war?“ fragte Judith als ihr die Stille zu unangenehm wurde.

„Es war nichts.“

Sie verzog argwöhnisch den Mund.

„Klar. Ich hab neulich im Keller das Bernsteinzimmer gefunden.“

Er atmete scharf aus. Eigentlich wusste er selbst nicht genau, was es gewesen war.

„Es war das erste Mal, soweit ich weiß. Alle anderen waren nicht so schlimm.“

Geht doch, dachte Judith.

„Warum hast du mir das nicht gesagt?“

„Du hast nicht gefragt. Außerdem komme ich klar.“

„Ich glaub dir nicht. Sieh dich an!“

Er sah an sich herunter.
„Es steht dir ins Gesicht geschrieben.“

„Judith, es geht mir gut. Bitte!“

„Fox, du brauchst mir gar nicht mit dieser „Es geht mir gut“-Masche anzukommen. Wir haben dich gefunden, nicht umgekehrt.“

Er rieb sich mit der Handfläche über das Gesicht.

„Du hast ja Recht. Aber ich wollte nicht, dass es jemand weiß.“

„Lonesome Cowboy. In dieser Sache funktioniert das aber nicht, und das weißt du so gut wie ich.“

Sie zückte ein Taschenmesser und begann, ein Stück Teppich vom Boden zu lösen.

„Es wird am Stress liegen…“ setzte er an.

„Hm. Glaube ich irgendwie nicht. Hilf mir mal bitte.“

Sie wies ihn an, den Teppich weiter anzuheben, bis das gesamte Stück abgelöst war.

„Danke. Brian war definitiv nicht dumm. Vielleicht sogar schlauer als ich,“ grinste sie und ließ das Stück Teppich schlapp zu Boden fallen als sie nichts darunter gefunden hatte.

„Vielleicht aber auch nicht.“

Sie hielt kurz inne, trat neben den fünftürigen Kleiderschrank und betrachtete den Wäscheschrank aus weiß lackiertem Sperrholz daneben.

„Das letzte, was er zu mir gesagt hat war „Weißt du noch, als wir Kinder waren?“. Ich bin ja so dumm.“

Sie klatschte sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Jetzt war alles klar. Der Wäscheschrank war ihr Kleiderschrank gewesen in ihrer Kindheit.

„Okay, sobald ich den hier weggeräumt habe sollten wir uns auf Besuch gefasst machen. Geh am Besten schon mal runter zu den anderen. Ich mache das hier alleine.“

Mulder befolgte ihren Rat wortlos, während Judith in den Schrank griff und eine Pistole hervor zauberte, die sie klischeehafterweise immer im hintersten Eck ihres Wäscheschranks versteckt hatte.

„Partytime,“ murmelte sie und stieß den Schrank um.

Dahinter kam ein Safe zum Vorschein, über dessen Kombination sie nicht lange nachdenken musste. 0422 lautete die Zahlenfolge, Brians und Chris’ Geburtsdatum. Der Safe öffnete sich, und darin lagen zwei CDs. Das musste es gewesen sein, weshalb sie alle durch die Hölle gegangen waren. Kaum hatte sie die beiden CDs genommen hörte sie die einen Schlag, dem Klang nach gegen die Haustür.

„Pünktlich wie die Maurer.“

Sie hastete die Treppen hinunter zu den anderen und griff im Laufen noch ihre schwarze Lederjacke vom Geländer.

„Sie sind hier!“ rief sie und steuerte auf die Terassentür zu. „Kommt mit!“

Sie verwarf den Gedanken an die Terassentür und lief zur Kellertür. Es gab eine unterirdische Verbindung zu einem Nachbarschaftsbunker. Dessen Existenzberechtigung stand zwar in Frage, aber er führte direkt ins Nachbarhaus und von dort aus hatten sie eine Chance zu entkommen. Die Fünf stolperten die Treppen hinunter, ohne dass Judith das Licht einschaltete. Zu verräterisch, wie sie fand. Die Luft in dem Gang war abgestanden. Judith hatte sich eine kleine Taschenlampe geschnappt und durchschnitt damit die Dunkelheit.

„Stopp!“ zischte sie und horchte.

„Sie sind im Haus,“ stellte Scully fest.

Chris schob alle vor sich her.

„Los, die haben uns gleich!“ schnappte er.

Sie liefen weiter und erreichten auch endlich den Bunker, dessen Panzertür sie hinter sich verriegelten. Endlich ein kleines Stück Sicherheit.

„Gut, wenn die keinen Sprengstoff haben, haben wir erstmal ein paar Minuten gewonnen. Und mit etwas Glück merken die Conways gar nicht, dass wir da waren.“

Judith stützte sich genauso wie Holbrook auf den Oberschenkeln ab, um etwas zu Atem zu kommen. Scully lehnte gegen die Tür und Mulder und Chris schienen wenig außer Atem. Plötzlich sprang Scully von der Tür weg.

„Die bohren das Schloss auf!“

„Die können nicht…“setzte Holbrook an, doch bevor er seinen Satz beenden konnte hatte Judith die Tür zur Treppe geöffnet, die zu den Wohnräumen der Nachbarfamilie Conway führte. Sie hasteten die Stufen hinauf und zur Haustür, die zum Glück nicht verriegelt war. Warum auch, in dieser Gegend passierte nie irgend etwas.

„Raus! Raus!“

Mulder war als erster auf der anderen Straßenseite an Judiths Wagen angekommen, riss die Fahrertür auf, die Judith mittels Fernbedienung geöffnet hatte und stieg ein. Judith saß kurz darauf auf dem Beifahrersitz, Scully und Holbrook stiegen hinten ein. Jemand fehlte.

„Chris!“ kreischte Judith und versuchte, ihre Tür zu öffnen. Mulder hinderte sie daran, denn Holbrook war bereits aus dem Wagen gestürzt um nach Chris zu suchen. Im Haus war er doch noch bei ihnen gewesen; er musste hier draußen sein, irgendwo.

„Holbrook holt ihn. Bleib sitzen, verdammt!“

Mulder hielt ihre Hände unsanft fest und Scully wunderte sich, warum Judith sich das gefallen ließ. Ihre Augen spähten durch die Dunkelheit und suchten nach Holbrook oder Chris, doch sie konnte nichts erkennen.

„Können Sie irgendwas sehen?“ fragte sie, doch Judith schüttelte nur mit dem Kopf und Mulder reagierte nicht. Er starrte auf etwas, das im spärlichen Licht glitzerte. Dann sprang er aus dem Wagen, sprintete darauf zu und duckte sich, um einer Kugel auszuweichen. Danach packte er einen leblosen Körper, schleifte ihn zum Wagen und riss Scullys Tür auf. Chris! Er war bewusstlos und sie zog ihn zu sich in den Wagen. Mulder stieg wieder ein, knallte die Wagentür zu und fuhr los.

„Was ist mit Holbrook?“ fragte Judith ihn.

Er sah sie kurz hilflos an und deutete dann mit einer Kopfbewegung auf Chris. Scully konnte eine Einschußwunde in seinem Oberschenkel ausmachen, die stark blutete. Die Wunde in seiner Schulter schien dagegen weniger schlimm zu sein.

„Ich brauche was zum abbinden.“

Sie kramte in Judiths Fächern herum und fand einen Seidenschal, der ihr geeignet schien. Seit Judith aufgetaucht war hatte Scully ihre professionellen Modus nicht abgeschaltet.

„Wir müssen in ein Krankenhaus, ich glaube die Arterie wurde verletzt. Das Bethesta ist das nächste.“

Natürlich kannte sie alle Krankenhäuser in der Umgebung. Sie war mit Mulder oft genug dort gewesen.

„Okay, wir sind sofort da.“

Chris’ Augen öffneten sich zu Schlitzen und als erstes schrie er vor Schmerz auf.

„Bleiben Sie ruhig. Wir fahren in ein Krankenhaus.“

Scully nahm Chris’ Hand um ihn zu beruhigen.

„Tut weh, hm?“ fragte Judith von vorne. „Das ist gut, du musst dir erst Sorgen machen, wenn es nicht mehr wehtut.“

Hilfreich wie eh und je,dachte Mulder. Er hoffte, dass ihnen niemand folgte und dass Holbrook in Ordnung war.

„Mir… schwindelig…“

„Halt durch.“

Tränen trübten Judiths Blick. Sie wusste, dass sie Chris retten würden, sie hatte nur nicht gewollt, dass er verletzt wird. Das war der Grund dafür gewesen, warum sie sich vor ihrer Vergangenheit versteckte. Sie spürte Mulders Hand an ihrer Schulter.

„Wir machen das so wie immer,“ sagte er und fuhr auf den Krankenhausparkplatz. Scully und Judith eilten voraus um ein Team in der Notaufnahme zu mobilisieren. Mulder blieb bei Chris.

„Da kommen die Ärzte, ich helfe Ihnen raus.“

Chris schob sich, schwer atmend, in Richtung Tür, sackte jedoch zusammen. Kurz darauf wurde Mulder zur Seite geschoben und Chris auf eine Trage gelegt. Judith und Scully tauchten wieder auf und es sah so aus, als seien sie für den Rest der Nacht in Sicherheit.

„Das in der Schulter ist ein glatter Durchschuss, aber sein Oberschenkel sieht nicht toll aus. Er hat geblutet wie sonst was,“ berichtete Judith mit monotoner Stimme.

„Ich hoffe Holbrook ist da weggekommen.“

Scully griff in ihrer Tasche nach ihrem Handy.

„Nein. Wer weiß was passiert, wenn Sie ihn anrufen. Er wird sich melden.“

Mulder hatte Recht, Scully wusste das. Und trotzdem war sie besorgt.

„Hoffentlich. Ich wüsste nämlich nicht, wo wir ihn suchen sollten.“

8:00

Bethesta – Krankenhaus

Washington D.C.

Judith, Mulder und Scully hatten die Nacht im Wagen verbracht. Unfreiwillig, denn sie waren einfach eingeschlafen. Scully wachte als erste auf und weckte Mulder und Judith. Letztere wollte sofort wissen, wie es Chris ging und steuerte auf den Empfang zu. Nach einer etwas hitzigen Diskussion, ob sie zu ihm dürfe oder nicht, wurde sie endlich auf die Intensivstation begleitet.

„Sie haben mit ihr bereits darüber geredet? Ich meine…“

„Ja. Sie ist der Meinung dass es durch die Blutübertragung ausgelöst wurde.“

Es war schockierend für Scully, ihren Partner so zu erleben wie am Tag zuvor. Auf diese Art würde es nie vorbei sein, dachte sie.

„Vielleicht kann man es irgendwie aufhalten,“ fuhr Mulder fort. „Vielleicht finden wir in Devereuxs Kitteltasche ein Gegenmittel.“

Die Bitterkeit in seiner Stimme stach Scully ins Herz. Sie konnte ihm nicht helfen.

„Ich wünschte ich könnte etwas tun.“

„Ich weiß. Es ist okay.“

Es hatte eine ganze Weile gedauert bis Judith wieder auftauchte. Ihr Gang war etwas wackelig und ihre Gesichtsfarbe hatte etwas von Porzellan. Als sie zu sehr ins Wanken geriet eilte Scully ihr unterstützend zur Hilfe.

„Was haben Sie?“ fragte sie und stützte Judith, als sie anhalten musste.

„Chris.“ sagte sie nur und ihre Miene verfinsterte sich.

Scully befürchtete das Schlimmste.

„Was ist mit ihm?“

Mulder kam dazu und beugte sich herunter um Judith ins Gesicht sehen zu können, da sie ihren Kopf hängen ließ.

„Bei der OP ist was schief gegangen,“ begann sie.

Mulder hielt den Atem an.

„Oh Gott.“

„Nein, Scully, aber sie brauchten eine Blutspende.“

„Du hast… du hast ihm das Leben gerettet damit.“

Mulder wollte seinen Satz zuerst anders beenden.

„Nein, hab ich nicht. Ich hab ihm das gleiche angetan wie dir.“

Scully nahm sie in den Arm.

„Das ist Quatsch. Es war richtig. Und es ist eine Chance.“

Judith trat einen Schritt zurück und legte den Kopf schief.

„Judith, wir können Chris’ Blut untersuchen und nach einer Methode suchen um diesen Prozess aufzuhalten und vielleicht sogar umzukehren.“

Ihr Blick senkte sich und sie drehte sich um, ging auf eine Laterne zu, an der ein Mülleimer Befestigt war und hielt dort kurz inne. Ein Tritt riss den metallenen Eimer aus seiner Verankerung und ließ ihn meterweit fliegen bis er polternd auf dem Boden aufschlug, mit der verbeulten Seite nach oben. Mulder und Scully runzelten beide gleichermaßen die Stirn. Von ihrer Kraft hatte sie in den letzten Jahren jedenfalls nichts eingebüßt.

„Willst du nicht wissen, was auf den CDs ist?“

Egal, wie viel Kraft in Judith steckte, es gelang Mulder jedes Mal aufs Neue, unvermittelt hinter ihr aufzutauchen.

„Nicht so dringend wie du, glaube ich.“

Sie griff in ihre Jackentasche und gab Mulder die beiden CDs.

„Ich weiß, welche Namen ich darauf finden werde. Bring die am besten zu den Gunmen.“

Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und ging einfach.

„Judith?!“ rief Scully ihr hinterher doch Mulder bedeutete ihr mit einer Geste, dass sie sie gehen lassen sollten.

„Hoffen wir, dass sie das Richtige tut.“

8:00

Lagerraum

Genauer Ort unbekannt

Es war zunächst stockdunkel. Der Boden war kalt und hart und irgend etwas stach Holbrook in seine Seite. Wo war er? Warum war es so dunkel? Eben war er noch auf der Straße gewesen, vor Judiths Haus, auf der Suche nach Chris. Inzwischen mussten einige Stunden vergangen sein, er fühlte sich mies. Etwas bohrte von innen ein Loch in seine Stirn. Er blinzelte ins Dunkel, fand aber nichts, worauf er seinen Blick fokussieren konnte. Scheinbar saß er auf etwas. Was ihn aber noch mehr erschreckte als die Dunkelheit war, dass er sich nicht bewegen konnte und dass Handschellen daran Schuld waren.

„Hallo?“ rief er. „Ist hier jemand?“

12:00

Es roch nach einer Mischung aus Wasserstoffperoxyd und einem Parfümstoff der den Geruch des Wasserstoffs überdecken sollte. Auf dem Boden verteilten sich einige schwarze Haarsträhnen. Die blonde Frau mit den schulterlangen Haaren und der Brille streifte einen weißen Kittel über und betrachtete sich akribisch im Spiegel.

„Perfekt.“

„So, Mrs Bowden, ich denke, Sie sind fertig.“

Sie nickte in den Spiegel und drehte sich auf dem Absatz um, um den Raum zu verlassen.

„Danke. Du hast was gut bei mir.“

1 Woche später

FBI-Hauptgebäude

Washington D.C.

Die fieberhafte Suche nach Holbrook war ergebnislos geblieben. Mulder und Scully waren zu ihrer gewohnten Arbeit zurückgekehrt und sie hatten Judith wohl oder übel als vermisst melden müssen, auch wenn es Mulder widerstrebte. Er hatte ein ungutes Gefühl, denn er konnte sich vorstellen, wie Judiths Pläne aussahen. Wenn sie Holbrook nicht fand, wer dann?

Chris war bereits entlassen worden. Es ging ihm den Umständen entsprechend und er hatte sich für zwei weitere Tage krank gemeldet. Er fand es so absurd, dass er es beinahe gelassen hätte. Er war kein Agent, also warum sollte er sich krank melden? Dennoch wagte er sich heute, mit einer Gehhilfe bewaffnet, in Director Skinners Büro. Er klopfte verhalten an die Tür und wartete höflich auf ein herein, das auch prompt erfolgte. Für Skinner war Chris’ Gesicht unbekannt, er wusste nur, dass er ein junger Agent war der von Mulder angefordert worden war.

„Guten Tag, Mr. Scheller,“ wurde Chris begrüßt.

Er war sichtlich nervös und die Tatsache dass Director Skinner doppelt so breite Schultern hatte wie er beruhigte ihn nicht sonderlich.

„Es geht Ihnen allem Anschein nach wieder besser. Was kann ich für Sie tun?“

Chris nahm auf Skinners Geste hin Platz.

„Es geht um Ju…Agent Randolph. Gibt es über ihren Aufenthalt etwas Neues?“ fragte er und hoffte, dass sein Versprecher nicht aufgefallen war.

„Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Ich habe persönlich zusätzliche Agenten mit der Suche beauftragt. Aber nichts… bisher.“

Chris senkte den Blick.

„Den aktuellen Stand der Ermittlungen bekommen Sie von Agent Mulder oder Agent Scull…“

Die Tür flog auf und eine zerfetzte und schmutzige Gestalt schleppte sich herein. Verwirrt blickte Skinner von Chris zu der Person und weiter zu seiner Sekretärin, die im Türrahmen aufgetaucht war und hilflos die Schultern hob. Die Person, ein Mann, stützte sich schwer atmend auf die Türklinke und man sah deutlich wie seine Knie einzuknicken drohten.

„Holbrook?“ fragte Chris ungläubig.

Er nickte. Skinner sprang auf und griff Holbrook unter die Schultern, um ihn zu einem Stuhl zu geleiten.

„Einen Krankenwagen!“

Die Sekretärin nickte und verschwand.

„Was ist mit Ihnen passiert?“

Holbrook holte tief Luft bevor er sagte:
„Die hatten mich eine Woche lang in einem scheiß Kellerloch…“

Chris saß da und starrte ihn fassungslos an. Holbrook war übersäht mit Schrammen und Schmutz, sein Anzug war zerfetzt und auf seinem Hemd zeichneten sich deutlich Spuren getrockneten Blutes.

„Wer?“ fragte Skinner.

Auf seinem Gesicht zeichneten sich der Schrecken deutlich ab.

„Avorton. Ich war da, und die beobachten alles.“

„Wie sind sie da rausgekommen?“

Skinner wandte sich kurz um. Wo blieb die Sekretärin?

„Eine Frau,“ antwortete Holbrook, „Es gab einen Stromausfall im Keller und sie hat mich da rausgebracht.“

„Judith?“ mischte Chris sich ein.

„Ich… ich weiß nicht. Sie war blond und trug eine Brille.“

19:45

Büro der Lone Gunmen

„Wir haben die Daten schneller entschlüsselt als du dreiundzwanzig sagen kannst,“ erklärte Frohike stolz und präsentierte Mulder eine Liste auf dem Bildschirm vor sich.

„Das sind alles Namen?“ fragte dieser und versuchte den vorbeifliegenden Zeilen zu folgen, die Frohike auf und ab fahren ließ.

„Ja, ein paar Tausend, würde ich sagen. Rate!“

„Judith steht auf der Liste. Und Scully,“ kam ihm Byers zuvor.

„Natürlich. Aber wofür ist die? Ist da noch was anderes drauf?“

Frohike nickte vielsagend und ließ die Liste mit einem Mausklick verschwinden.

„Eine Anleitung zum Bau eines Supersoldaten. Und ein paar andere Sachen auf Navajo. Ich kann mir vorstellen, dass unsere Freunde das wiederhaben wollen.“

„Was aber noch viel besser ist,“ meldete sich Langly zu Wort, „die Supersoldaten haben alle eine Schwachstelle.“

Mulder horchte auf. Das letzte mal war er einem von ihnen nur mit Mühe und Not entkommen.

„Sie können es scheinbar nicht haben, wenn man ihre Schädelbasis mit diesem kleinen Ding hier durchbohrt.“

Eine 3D-Animation von einer Art Eispickel erschien. Es war ein sehr futuristisch anmutendes Gerät, aus dem eine Spitze auf Knopfdruck herausfuhr, wenn man der Animation Glauben schenkte.

„Interessant ist auch das hier.“

Ein anderes Fenster öffnete sich. Ein Bericht über die laufenden Experimente. Scheinbar war man dabei, veränderte DNA in Menschen zu injizieren und sogar in der Lage, sie spurlos wieder verschwinden zu lassen.

„Du weißt, was das für unsere kleine Ripley heißt, oder?“ meinte Frohike weiter.

„Es würde sie umbringen. Es würde jeden von ihnen umbringen.“

Mulder lief es kalt den Rücken herunter. Alien-DNA, die man injizieren und ohne Rückstände neutralisieren konnte, das bedeutete, man konnte diese Supersoldaten einfach an- und ausschalten. Und mittlerweile waren sie sicher soweit, dass sie es bei jedem konnten. Die CDs waren schließlich acht Jahre alt.

„Wo gehst du hin?“ rief Langly ihm nach, als er ohne ein weiteres Wort einfach hinaus stürmte.

„Verhindern, dass die Predators unser Alien kriegen.“

22:00

Haus von Judith Randolph

Washington D.C.

Mulder wusste, dass die Männer von Avorton es noch immer auf ihn abgesehen hatten. Um mit Judith Kontakt aufzunehmen gab es nur eine einzige Möglichkeit und er kannte sie einfach zu gut, als dass er sich nicht denken konnte, was sie nun tat. Sie hatte sich mit Hilfe ihrer Fähigkeiten bei Rat-Ex eingeschlichen. Wurde sie entdeckt, würde man sie eliminieren. Sie würden es sich nicht nehmen lassen. Mulders Mobiltelefon klingelte.

„Mulder? Ich bin’s. Wo sind Sie?“ fragte Scullys Stimme.

„Ich bin in Judiths Haus. Und ich glaube, ich werde gleich abgeholt.“

„Abgeholt?“

Ihrer Stimme war es deutlich anzumerken wie sie zuerst verwundert war und dann erst erschrak.

„Was…? Mulder, Sie sind in Gefahr!“

„Ich weiß. Aber ich hab mich dran gewöhnt.“

Er legte auf und schaltete die Beleuchtung für das komplette untere Stockwerk ein. Sie würden darauf reagieren, dessen war er sich sicher.

„Glauben Sie nicht, dass das ein bisschen offensichtlich ist, Agent Mulder?“

Er hatte niemanden hereinkommen hören. Doch plötzlich war da diese raue Stimme hinter ihm.

„Es hat doch funktioniert,“ gab Mulder zurück, ohne sich umzudrehen.

Er kannte diese Stimme. Er hasste ihren Besitzer.

„Sie haben mir ein paar Minuten mit Ihnen gegeben, bevor sie Sie mitnehmen.“

„Sehr großzügig. Was wollen Sie?“

Mulder entschied sich, sich nun doch umzudrehen und dem Krebskandidaten Spender ins Gesicht zu sehen.

„Ein Angebot.“

„Das wird ja immer besser!“

„Sie haben die CDs, und wir haben Judith.“

Spender musste nichts weiter erklären.

„Sie bluffen. Und ich hab die CDs nicht mehr.“

Spender nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette, die kurz aufglimmte. Asche fiel auf den Parkettboden.

„Wenn Sie mir sagen, wo sie sind…“

„Wenn ich Ihnen sage, wo sie sind, töten sie uns trotzdem,“ fiel Mulder ihm ins Wort.

Spender drehte sich um und ging, öffnete die Haustür, trat ins freie und winkte jemanden zu sich heran. Drei gleich aussehende Männer betraten Judiths Haus und traten an Mulder heran, der mitten im Wohnzimmer stand. Er wusste, was ihn jetzt – wieder – erwarten würde.

„Hi,“ begrüßte er sie.

Die Männer antworteten nichts. Zwei packten ihn grob bei den Armen, hielten ihn fest, während der dritte ihm einen Schlag in den Magen beibrachte sodass er in die Knie ging.

„Das… hab ich vermisst,“ keuchte er.

2:40

Haus von Judith Randolph

Washington D.C.

Die Tür stand weit offen als Scully das Haus betrat. Hinter ihr tauchte Chris auf, immer noch auf seine Gehhilfe gestützt. Sie ging mit gezückter Waffe voran ins Wohnzimmer, wo ihr sofort die verschobene Couch und der Tisch auffielen.

„Sie haben ihn, sehen Sie mal!“

Chris beugte sich umständlich herunter und sah sich einen kleinen Fleck auf dem Parkett an.

„Das ist Blut, oder?“ fragte er.

Scully atmete hörbar aus.

Chris richtete sich wieder auf. Er sah sich nach weiteren Hinweisen um. Mulder hätte ihnen mit Sicherheit irgendetwas hinterlassen, besonders weil er sich ihnen freiwillig ausgeliefert hatte. Er fand aber nichts.

„Wie lange kennen Sie Judith bereits?“ fragte Scully.

„Seit fünfzehn Jahren, mit Unterbrechungen. Wieso?“

„Wo würde sie Ihnen eine Botschaft hinterlassen?“ fragte sie weiter.

„Wie?“

Chris war überrascht. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

„Sie meinen, sie hat…? Comics! Wir wollten Comics kaufen!“ schoss es wie ein Blitz durch ihn. „Ich weiß, wo die sind.“

4:00

Lagerraum

genauer Ort unbekannt

Es war dunkel. Das einzige Licht, das in den Raum drang, schlängelte sich unter der Tür hindurch. Mulder lag auf dem Boden und kam nur langsam zu sich. Er wusste nicht, was schlimmer war: unerwartet Prügel zu beziehen oder darauf vorbereitet zu sein. Noch halb benebelt spürte er eine Hand an seiner Schulter, der Größe nach zu urteilen eine weibliche Hand. Sie half ihm, sich hinzusetzen.

„Guten Morgen,“ sagte eine bekannte Stimme.

„Wie lange…?“ fragte er.

Sein Mund war ausgetrocknet, was den Geschmack von Blut nicht unbedingt angenehmer machte.

„Eine Stunde. Sie würden sich wundern, wen ich hier alles schon gesehen habe.“

Er fragte nicht weiter sondern verwendete seine Konzentration darauf, seine Kopfschmerzen loszuwerden. Ein elektrisches Summen erfüllte den Raum urplötzlich und nacheinander leuchteten die Neonröhren über ihren Köpfen auf. Das Licht brannte zunächst in seinen Augen und er hielt das, was er jetzt sah, für ein Produkt seiner Gehirnerschütterung.

„Ich weiß, das steht mir nicht,“ sagte die blonde Frau in dem weißen Kittel und rückte ihre Brille zurecht.

„Ju…wie?“

„Shht,“ machte sie. „Die glauben bereits, dass ich eine komische Affinität für gefangene Männer mit braunen Haaren habe.“

Die Stimme, die Worte, das alles war Judith. Doch die Person… Mulder sank wieder in sich zusammen.

„Hier geblieben, großer Mann!“

Judith fing ihn auf, bevor er rücklinks mit dem Kopf auf dem Boden aufschlug. Jemand klopfte ungeduldig an die Tür.

„Ja, sofort!“ rief sie, stand auf, zog ihren Kittel zurecht und öffnete. „Ich hab aus ihm nichts raus bekommen. Geben wir ihm noch zwei Stunden.“

Der Mann nickte. Sein Blick verharrte etwas zu lang auf ihr, fand Judith. Sie ging mit ihm den Korridor entlang, blieb jedoch stehen, als sie ein infernalisches Poltern aus dem Raum hörte, aus dem sie gerade eben gekommen war. Sie sah ihr Gegenüber fragend an, denn dieser schien zu wissen, was eben passiert war. Und es schien ihn nicht im Geringsten zu beunruhigen.

„Unsere andere Überzeugungsmethode.“

Seine Hand schob Judith im Rücken weiter, doch sie blieb stehen.

„Er wird überhaupt nichts sagen, wenn er tot ist.“

Sie versuchte den Drang, zurück zu laufen und Mulder zu helfen, nieder zu ringen. Nicht jetzt. Noch nicht.

„Wir lassen ihn nicht sterben. Jedenfalls nicht bevor wir das Mittel getestet haben.“

Das Poltern hörte nicht auf. Die Bilder, die sich vor ihrem inneren Auge abspielten, waren nur schwer zu ertragen. Sie kniff die Augen zusammen und rieb sich mit der Hand übers Gesicht.

„Sie müssen sich das aber nicht anhören. Kommen Sie.“

Er versuchte, charmant zu sein, was Judith anwiderte. Sie wusste, wer er war, was er in seiner Vergangenheit getan hatte und dass er Mulders Vater getötet hatte. Sie hatte bloß seinen Namen vergessen. Ich sollte ihm einfach das Genick brechen, dachte sie, oder ich erschlage ihn mit seiner eigenen Prothese.

7:00

Krycek. Er war sicher, dass er Kryceks Stimme gehört hatte. War die Frau mit Judiths Stimme wirklich seelenruhig mit ihm mitgegangen? Was tat Krycek hier überhaupt? Etwas drückte gegen seine Lunge, was ihn daran hinderte, tief einzuatmen. Judith und Krycek. Er richtete sich wankend auf und bemerkte erst jetzt, dass er an einem Tropf hing. Ein Tropf? Erschrocken riss er die Infusion aus seiner Armbeuge und taumelte zurück, bis er an einer Wand Halt fand. Judith und Krycek? Er stieß den Infusionsständer um. Die Klappe, die das Sichtfenster an der Tür verschloss, öffnete sich und zwei braune Augen sahen zu ihm herein. Er erkannte die Augenpartie, wandte seinen Blick jedoch ab. Die Tür öffnete sich langsam und Judith trat herein. Sie sah ihn fragend an, sagte jedoch nichts.

„Was willst du?“ fuhr er sie an.

„Nicht so laut,“ antwortete sie nahezu flüsternd, „ich hab hier drinnen Krach gehört.“

Sie sah auch gleich, woher dieser Krach gekommen war, als sie den Infusionsständer am Boden liegen sah.

„Ich muss dir Blut abnehmen. Tut mir leid, am besten du spielst mit, bis ich…“

„Bis du mit dem Russen durchgebrannt bist?“

Judith hob beide Brauen.

„Fox, ich glaube du verstehst nicht ganz…“

Sie kam näher um ihn zu beruhigen, denn sein Atem ging zu schnell und ein Netz aus Schweißperlen überzog seine Stirn.

„Bleib wo du bist!“

Er hob drohend seine Faust. Judith seufzte.

„Du weißt, was du da gerade heraufbeschwörst.“

Als er nach ihr schlug fing sie seine Faust mit ihrer Hand, als hätte man ihr einen Apfel zugeworfen. Ihr Griff war eisern und während sie ihn festhielt sah sie ihm eindringlich in die Augen. Das Medikament hatte begonnen zu wirken. Sie drehte seine Faust nach außen um bis seine Muskeln vor Schmerz weich wurden.

„Es tut mir leid, Fox. Hab Vertrauen, bitte.“

Als er auf dem Boden lag kniete sie sich auf seinen Oberarm und stellte ihren anderen Fuß auf sein Handgelenk, um ihn zu fixieren. Es dauerte nicht lange bis sie die Kanüle mit Blut gefüllt hatte. Sie stand wieder auf und ließ Mulder so liegen. Er sah ihr fassungslos nach. Hatte sie ihn wirklich verraten? Oder war sie es am Ende gar nicht, sondern nur eine Kopie? Es war, als würden seine Gedanken in ein Loch fallen. Doch diesmal war es anders. Er verlor sein Bewusstsein nicht. Das hatten sie ihm also injiziert.

Als er wieder klar denken konnte war er sich sicher, dass es tatsächlich Judith war, die er beinahe geschlagen hatte. Sie hatte ihn nicht verraten, sie beschützte ihn.

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