Motu - Escape from the pit!

Der violette Himmel war längst verschwunden und hatte einer grauen Suppe Platz gemacht, die mindestens so sympathisch war wie die Gegend darunter. Fauler Schwefelgeruch hing in der ohnehin kaum atembaren Luft.
“In die Grube!” hatte eine kehlige Stimme geblafft und so geklungen als wäre sie aus zwei Mündern gekommen.
Ein braunes Augenpaar, scheinbar ein bisschen zu groß für den Kopf, suchte verzweifelt nach etwas Greifbarem um auf zwei mächtige, grün geschuppte Pranken einzuschlagen, die zwei schmächtige Schultern schraubstockartig festhielten und schmerzhaft zusammendrückten. Als sich die dünnen Beine vor Angst versteiften und ein Weitergehen unmöglich machten wurde sie ohne große Mühe des Bodens unter ihren Füßen beraubt. Es folgten ein kurzer Flug und ein schmatzendes Geräusch und alles um sie herum wurde grün. Und heiß. Aus einem bizarren Schädel troff das zähflüssige und giftige Feuer in eine darunter liegende Grube, die als Auffangbecken fungierte. Ihre bewegungen erstarben schließlich in der schleimigen Masse und sie gab auf. Die Hitze war in Sekundenschnelle in ihre Glieder gekrochen und machte die Drohung, sie zu verzehren, offenbar wahr. Das Grün wurde schwarz.

“Ich könnte wetten, du hast es gefressen!” murrte eine Stimme, deren Besitzer sich im dichten Blattwerk verborgen hielt.
“Mrrrau?” machte das angesprochene Wesen, ein Ball aus Federn, Fell, zwei krallenbesetzten Füßchen und bernsteinfarbenen Glubschaugen. Ein strohblonder Kopf folgte Blitzschnell einer Hand durch das Dickicht und der folgende Körper wich geschickt einigen Dornen aus, die an armdicken Ästen wuchsen.
“Hab ich dich!”
Zufrieden betrachtete er seine Faust, die sich um einen ledernen Ball geschlossen hatte.
“Rrrrruuu!” protestierte das kniehohe Wesen und wurde entschädigend auf dem Kopf, der auf komische Art auch gleichzeitig der Körper war, gekrault.
“Tut mir ja leid, Grii, aber bei dir weiß man nie!”

Der Lederball rumorte in seiner Hand, angetrieben von einem unsichtbaren Getriebe oder etwas in der Art. Für einen kurzen Augenblick fragte er sich, warum der Alte seine Jonglierbälle nicht einfach abgeschrieben hatte. Halb blind wie er war konnte er sowieso nicht mehr viel damit anfangen und offenbar waren sie auch kaputt, sonst hätten sie sich nicht aus dem Staub gemacht.

Die Faust machte eine ruckartig schüttelnde Bewegung, der Ball gab Ruhe und verschwand in einer ledernen Gürteltasche bei vier weiteren Bällen.

“Einer noch,” stellte er zufrieden fest.
Er nahm Grii, das kleine Fellbündel, auf den Arm und kletterte weiter durch das Geäst, die Gegend nach dem letzten rot-blauen Ball absuchend.


Etwas raschelte. In diesem Teil des immergrünen Waldes gab es eigentlich nichts beängstigendes oder gefährliches. Trotzdem kroch ein mulmiges Gefühl seine Kehle hinauf und ließ ihn innehalten. Verfolgte ihn jemand? Grii verbiss sich mit seinem Schnabel in einem Lederriemen, dabei kniff er die Augen zusammen.”Hallo?”Niemand antwortete. Es raschelte bloß wieder und diesmal war auch zu erkennen, woher das Geräusch kam, denn ein paar Blätter bewegten sich noch.“Warte hier auf mich.”Widerwillig ließ Grii sich auf einen Ast setzen.“Hab ich di…” setzte er an, als er die Blätter zur Seite schob.Erschrocken prallte der Junge von dem Anblick zurück. Keine fünf Meter unter ihm lag jemand. Und darüber kreiste der sechste fehlende Ball. Etwas vibrierte in seiner Gürteltasche, die anderen fünf Jonglierbälle brachen aus und taten es ihrem sechsten gleich, umhüllt von einer goldenen Aura. Die Gestalt am Boden schien bewusstlos. Sie lag mit dem Gesicht nach unten, als hätte man sie hier abgelegt. Mit Hilfe einiger Äste und Schlingpflanzen ließ er sich zu ihr herab.
“Bist du verletzt?” fragte er und berührte sie in der Mitte ihres Rückens.
Schließlich drehte er sie um und blickte einem Mädchen ins Gesicht, das ungefähr in seinem Alter sein musste. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, es schien als war alle Farbe daraus gewichen. Er hob sie vorsichtig auf, sie war überraschend leicht. Es würde das Beste sein, wenn er sie nach Eternos brachte.

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